Eingebettet zwischen den nördlichen Ausläufern des Mangfallgebirges liegt der Schliersee auf einer Höhe von 777 m ü. NN. Seine maximale Tiefe beträgt 40,5 m, die mittlere Tiefe 23,9 m. Etwa in der Mitte seiner Nord-Süd-Ausdehnung und in circa 250 m Abstand vom nahegelegenen Westufer befindet sich die Insel Wörth. Mit ihrer Ufernähe und ihrer Fläche von ca. 2,4 Hektar weist die Insel ansatzweise Parallelen zur Roseninsel im Starnberger See auf, deren im Flachwasser gelegene Siedlungsspuren bis in vorgeschichtliche Zeit zurück reichen. Dass für den Schliersee bislang keine systematischen Voruntersuchungen dokumentiert sind, prädestiniert den See und insbesondere die Insel Wörth als naheliegendes Ziel einer eingehenderen unterwasserarchäologischen Bestandsaufnahme (Abb. 1). Die BGfU hat sich daher eine umfassende Aufnahme des unterwasserarchäologischen Befundes für den Schliersee zur Aufgabe gemacht. Die ersten Untersuchungen Ende 2023 und 2024 erfolgten mit Genehmigung des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege (BLfD) schwerpunktmäßig im Flachwasserbereich um die Insel Wörth. Dabei konnten unter anderem auffällige Pfahlanordnungen unter Wasser nachgewiesen werden. Weitere Einsätze sind geplant.
Über die Insel Wörth und ihren Flachwasserbereich liegen nur vereinzelte frühere Berichte vor. So berichtete etwa 1864 Carl Theodor von Siebold von einer großen Ausbeute an ungebrannten Tonscherben und verschiedenen gespaltenen Tierknochen an der seichten Südseite der Insel Wörth, welche mit der Baggerschaufel leicht angehoben werden konnten. (vgl. von Siebold 1864, 321). Die entsprechende Stelle wird beim BLfD unter der Aktennummer D-1-8237-0008 als Bodendenkmal geführt. Darüber hinaus sind keine umfassenden archäologischen Prospektionen der Insel Wörth und des vorgelagerten Flachwasserbereichs bekannt. Laut eines weiteren Eintrags des BLfD wurde im Jahr 1985 bei Baggerarbeiten an einer nicht näher genannten Stelle des Schliersees ein Einbaum vom Grund angehoben. Dieser konnte aber nicht geborgen werden und ging verloren, so dass keine genaue Beschreibung oder Datierung vorliegt. Über die Insel selbst erwähnen Berichte aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert die Existenz eines steinernen Turms – des sogenannten „Hungerturms“ – in früheren Jahrhunderten. Zudem habe ebenfalls in früherer Zeit ein Steg vom Westufer auf die Insel geführt und noch im 18. Jahrhundert seien die Ruinen eines Gebäudes und Überreste eines Gefängnisses sichtbar gewesen.
Ergebnisse der ersten Prospektion
Ein Team der BGfU führte die ersten Prospektionen rund um die Insel Wörth am 12. November 2023 durch. Diese Bestandsaufnahme erfolgte von der Oberfläche aus, teils schwimmend und schnorchelnd. Bereits bei dieser ersten nicht-invasiven Untersuchung konnte im Flachwasserbereich eine Vielzahl an Holzpfählen erfasst und fotografisch dokumentiert werden. Die Pfähle finden sich vor allem im südwestlichen Flachwasserbereich in einer Tiefe von etwa 1,5–2 m; mit Ausnahme eines Abschnittes im Südosten konnten aber ähnliche Holzstrukturen um die ganze Insel herum nachgewiesen werden. Der Schwerpunkt der Pfahlkonzentration kann auf drei Areale südlich, nördlich und westlich der Insel festgelegt werden (Abb. 2). Vor allem im Süden befinden sich die meisten Pfähle entlang der Abbruchkante vom Flachwasser in größere Tiefen. Es handelt sich offenbar um systematisch angeordnete Pfähle, die Pfahlreihen bzw. Palisaden um die Insel bilden. In ihrer Struktur und Beschaffenheit variieren die Hölzer wie auch ihre Anordnung jedoch deutlich. So können einzelne Pfähle als auch Pfahlgruppen unterschieden werden (Abb. 3–5). Besonders auffällig sind zwei Pfahlgruppen am südöstlichen Rand des Flachwasserbereichs im Süden (Abb. 5). Westlich der Insel finden sich mehrere Pfähle in regelmäßigen Abständen zueinander im nahen Uferbereich. Aufgrund ihrer Anordnung ist hier eine ursprüngliche Nutzung als Stegbefestigung denkbar. Die Position der vorgefundenen Pfähle entlang der Abbruchkante rund um die Insel könnten auf eine Befestigung des Randstreifens hindeuten. Die genaue Zeitstellung und Bestimmung der tatsächlichen Funktion ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht möglich und bedarf weiterer Untersuchungen. Die Dichte, Exposition und Beschaffenheit der Pfähle weisen bei erster Betrachtung einige Parallelen zu vorgeschichtlichen Palisaden und Pfahlbaufundamente im Voralpenraum auf. Eine zuverlässige Zeitstellung und Funktionszuweisung ist im Rahmen einer vollständigen Aufnahme aller Pfähle sowie einer dendrochronologische Untersuchung vorgesehen.
Im Zuge der Prospektion wurden zudem einzelne Keramikfunde sowie ein Zahn und Dachschindeln entdeckt (Abb. 6; 7). Alle Objekte fanden sich im nahen Uferbereich auf der Südseite der Insel. Bei den Artefakten handelt es sich nach erster Einschätzung um Objekte der jüngeren Neuzeit. Sowohl diese Einschätzung als auch die kiesige Beschaffenheit des Uferrandes deuten auf eine neuzeitliche Aufschüttung des Inselufers hin, bei der wohl teils auch Bauschutt verkippt wurde. Die Durchführung solcher Baumaßnahmen würde auch in Einklang stehen mit den bereits erwähnten Berichten aus dem 19. Jahrhundert über einen früheren Gebäudebestand auf der Insel. Diese Hypothese muss jedoch noch durch weitere Untersuchungen wie etwa Sedimentbohrungen bestätigt werden.
Ein weiterer Einsatz am 20. Oktober 2024 hatte zum Ziel, den Flachwasserbereich um die Insel Wörth mittels Sidescan-Sonar zu erfassen (Abb. 9). Im Rahmen dieser Arbeiten wurden auch nordöstlich der Insel gelegene Untiefen untersucht. Die Aufnahme bestätigte für den Bereich um die Insel weitgehend die Ergebnisse der vorausgehenden manuellen Prospektion. Die Pfahlreihen befinden sich rund um die Insel, vor allem auf der südlichen Seite konzentrieren sie sich am Übergang vom Flachwasser zum tieferen Gewässer. Dass vor allem im Süden keine Hölzer in unmittelbarer Ufernähe nachgewiesen werden konnten, könnte an der vermuteten neuzeitlichen Aufschüttung des ufernahen Bereichs liegen. In dem Fall wären mögliche Holzstrukturen von dem deponierten Material überdeckt. Dies könnte auch eine Erklärung dafür sein, dass keine älteren Funde etwa von Keramik auf der oberen Sedimentschicht gefunden wurden. Diese wären nach Auswertung der Quellen aus dem 19. Jahrhundert durchaus zu erwarten gewesen. Die Sonaraufnahmen der nordöstlich der Insel gelegenen Untiefe zeigen zudem eine partiell erfasste, scharfkantige und ungefähr 20 m lange und 15 m breite Vertiefung im Seegrund. Die deutlich abgesetzten und geradlinig verlaufenden Umrisse sprechen für einen menschlichen Eingriff. Dies müssen aber weitere Untersuchungen zeigen.
Planung weiterer Untersuchungen
Die ersten Prospektionen um die Insel Wörth haben Fragen aufgeworfen, denen in weiteren Untersuchungen nachgegangen werden soll. Diese betreffen insbesondere die Schichtenbildung des Seegrundes um die Insel Wörth sowie die genauere Untersuchung der bisher identifizierten Hölzer. Der nächste geplante Schritt umfasst die exakte Einmessung, Kartierung und Datierung der Pfahlreihen. Darüber hinaus sollen Kernbohrungen Aufschluss geben über die Schichtenfolge des Sediments im Flachwasserbereich. Das weitere Vorgehen wird dann entscheidend von den Ergebnissen dieser Untersuchungen geleitet sein.
Jochen Hägele, Maximilian Ahl, Rainer Wolfgang Winkler, Tobias Pflederer, Marcus Thier, Axel Sabisch
