Prospektionen in der Donau bei Untersaal (Gde. Saal, Lkr. Kelheim)   in den Jahren 1997 und 1998

Bis zu den ersten Ausgrabungen des Königlichen Generalkonservatoriums der Kunstdenkmale und Altertümer Bayerns im Jahre 1911 hielt man die damals noch obertägig sichtbaren Burgusreste bei Untersaal für den Brückenkopf einer ehemaligen Steinbrücke. Die nördliche Seite des Burgus hatte die Donau schon vor Jahrhunderten weggerissen, die übrigen, heute unter der Bundesstraße 16 verborgenen Mauerfundamente wurden nach wiederholten Grabungen aufgeschüttet, ebenso im Jahre 1955, als die unmittelbar anliegende Rampenauffahrt der Saaler Fähre verbreitert wurde. Der Bagger, welcher zur Befestigung des Burgus vor Ort Kies entnahm, förderte aus der Donau ein als Spolie beim Burgusbau verwendetes Pilasterkapitäl sowie etwa 30 Pfähle (Länge: 2,0 - 2,5 m, Breite 0,20 – 0,26 m) zu Tage. Die Pfähle standen in einer Doppelreihe unmittelbar vor der nördlichen, donauseitigen Burgusfront in einem Abstand zwischen 0,8 und 1,0 m und wurden als Reste einer Ufersicherung oder Schiffsanlegestelle gedeutet. Eine weitere Reihe von Eichenpfählen an der südöstlichen Ecke des Burgus zum angrenzenden Feckinger Bach hin wurde beim Bau der Bundesstraßenbrücke im Jahr 1962 festgestellt. Jochen Garbsch, der den Burgus von Untersaal in den Bayerischen Vorgeschichtsblättern von 1967 ausführlich behandelte, nahm auf Basis archäologischer und historischer Quellen eine Erbauung zwischen 370 und 372 n. Chr. an.

 

Nach intensiver Recherche erfolgte im Mai 1997 eine erste Tauchprospektion, um gegebenenfalls weitere verschwemmte Bauteile und noch vorhandene Pfähle zum Zwecke einer Dendrodatierung ausfindig zu machen. Rasch zeigte sich, dass direkt vor der ehemaligen Burgusfront in etwa 2,6 m Wassertiefe (Oberkante Pfähle 355,55 m ü NN) neun eichene, meist mehrkantig behauene Pfähle die Baggerarbeiten von 1955 überlebt hatten. Der mittlere Abstand der Pfähle misst etwa einen halben Meter. Die bis zu 0,52 m senkrecht aus dem Flussgrund ragenden Pfahlköpfe zeigten sich leicht aberodiert. Weitere Prospektionen flussauf- und flussabwärts der Fundstelle sowie im Mündungsbereich des Feckinger Baches brachten keine weiteren Befunde. Eine Suche in Richtung Flussmitte war aufgrund der vorbeiziehenden Großschifffahrt nicht möglich. Die Pfahlstellung wurde zusammen mit dem Grabungsbüro Kelheim (Prof. M. Rind, K. Eisele) eingemessen. Erst im April 1998 versuchte man, Dendroproben zu entnehmen. Dazu wurde der mächtigste der Pfähle per Hand freigelegt, um an den nicht durch Erosion geschädigten Teil zu gelangen. Die restlichen acht Pfähle beließ man in situ. Beim Freilegen lockerte sich der Pfahl, so dass man sich entschied, ihn in toto zu bergen. Das geborgene Exemplar steckte 0,85 m tief im Grund, ist mehrkantig behauen und misst eine Länge von 1,36 m bei einer Breite von 0,21 m. Deutliche Behauspuren einer breiten Beilklinge sind zu erkennen. Wie die im Jahre 1955 ausgebaggerten Pfähle läuft die Spitze auf 0,80 m Länge zu. Der Pfahl wurde ins Dendrolabor des BLfD nach Thierhaupten gebracht, dort holzanatomisch untersucht und gezeichnet. Trotz 133 Jahrringen und Splintholz war aufgrund der damals noch lückenhaften Referenzkurve für die Spätantike eine Altersbestimmung nicht möglich. Erst im Jahr 2001 gelang es dann Franz Herzig vom Dendrolabor, den Fällzeitpunkt des Pfahls auf den Zeitraum 375 +- 10 n. Chr. einzugrenzen. Daraufhin wurden mit Hilfe eines 5 mm-Bohrers aus drei weiteren Pfählen Proben entnommen, die sich zwar mit der ersten Probe synchronisieren ließen, jedoch kürzere Jahrringserien ohne Splintanteil aufwiesen. Die Splintgrenzdatierung des Eichenpfahls bestätigt hervorragend die von Garbsch angenommene Bauzeit zwischen 370 und 372 n. Chr. Der Burgus reiht sich in eine lange Kette römischer Wachtürme und Kastelle ein, die nach Aufgabe des raetischen Limes entlang des südlichen Donauufers als Teil des spätrömischen Donau-Iller-Rhein-Limes gelegt wurde. Garbsch wies den Untersaaler Burgus der letzten großangelegten Ausbauphase zu. Aufgrund einer Innenfläche von rund 170 qm besitzt der Burgus eher den Charakter einer Kleinfestung als den eines Beobachtungsturmes. Er könnte, so Garbsch, als Magazin zur Nachschubsicherung benachbarter Burgi gedient haben. Die Pfahlstellung in der Donau ist als Rest einer Schiffsanlegestelle (Anlegedalben) zu deuten, welche die Bedeutung der Donau als Transportweg, auch in der Spätantike, unterstreicht. Vielleicht legte so manche navis lusoria, wie sie Studenten der Universität Regensburg im Jahr 2004 nachbauten, vor Untersaal an.

 

 

Marcus Prell