Hintergrund und Untersuchungen der Vorjahre
Im Jahr 2015 hatten Tiefenmessungen und hochauflösende Scanfahrten des Seenforschungsinstitutes Langenargen (Dr. Wessels) ca. 170 perlschnurartig angeordnete flache Steinsetzungen unter Wasser vor dem schweizerischen Bodenseeufer entdeckt. Sie befinden sich vorwiegend zwischen den Ortschaften Romanshorn und Altnau in einer Tiefe von drei bis fünf Metern und sind vom Ufer 200 bis 300 Meter entfernt. Von den Mitarbeitern der Kantonsarchäologie Thurgau werden sie als anthropogen eingestuft und konnten an Einzelexemplaren in das Neolithikum datiert werden (ca. 37. bis 34. Jahrhundert v. Chr.). Ihre Funktion wird kontrovers diskutiert und konnte bislang nicht geklärt werden (Leuzinger et al. 2021). Im Zuge der 2015 durchgeführten Untersuchungen wurden auch mindestens 25 der „Unterwasserhügel“ in vergleichbarer Tiefe vor dem bayerischen Bodenseeufer zwischen Wasserburg und Lindau entdeckt. Im Jahr 2021 erfolgten vor Wasserburg (Gemeinde Wasserburg, Landkreis Lindau) erste Oberflächenaufnahmen und Sedimentbohrungen an zwei der „bayerischen“ Unterwasserhügel (Hügel 1 und Hügel 2). Die Untersuchungen ergaben auch für diese Exemplare einen offensichtlich anthropogenen Ursprung, fanden sich doch unter den Steinschüttungen kein glaziales, sondern lakustrisches Sediment, auf denen in größerer Entfernung zum Ufer die Molassesteine abgelagert waren. Eine Datierung der beiden Hügel gelang 2021 nicht. Fehlende aufgehende Strukturen, wie Pfahlstellungen oder bearbeitete Hölzer, erlaubten auch keine weiteren Aussagen zur Funktion. Ein auf Hügel 2 dokumentierter Netzsenker ließ zwar vorsichtig an Aktivitäten in Verbindung mit der Fischerei denken. Ohne Schichteinbindung und spezifische typologische Merkmale waren jedoch keine weiteren Rückschlüsse über diesen Einzelfund möglich. Im Jahr 2022 schloss sich eine Oberflächenaufnahme an Hügel 24 in der Bucht von Bad Schachen (Stadt Lindau, Landkreis Lindau) an. Die Sedimentbohrungen an diesem Exemplar ergaben ähnliche Schichtabfolgen wie an den Hügeln 1 und 2 vor Bad Wasserburg – erneut lakustrisches Sediment unter den aufgehäuften Steinen – und führten auf der Hügelkuppe zur Detektion von ca. 4 cm dünnen Holzlagen in drei separaten Bohrungen knapp unterhalb der aufliegenden Molassesteine. Zwar konnten durch die Bohrkerne keine Aussagen gemacht werden, ob die Hölzer bearbeitet waren oder nicht. Mit ihrer Lage direkt unter der steinernen Hügelkuppe lieferten sie jedoch einen terminus post quem und einen groben Datierungsanhalt für den Schüttungsvorgang. Zwei der drei Holzproben von Hügel 24 (Bohrkerne B04 und B05) ergaben mittels 14C-Analysen (durchgeführt am Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie gGmbH Mannheim) eine zeitliche Einordnung in das Neolithikum (Probe 59923 / cal. 2σ-Bereich: 3482-3106 v. Chr. und Probe 59924 / cal. 2σ-Bereich: 3497-3197 v. Chr.). Damit wies Hügel 24 eine annähernd gleiche Zeitstellung wie die „Hügeli“ des schweizerischen Bodenseeufers auf. Einschränkend muss angeführt werden, dass eine der Holzproben von der Hügelkuppe 24 (in Bohrkern B09) ein frühmittelalterliches Datum aufwies (Probe 59925 /cal. 2σ-Bereich: 687 – 879 n. Chr.). Der entsprechende Holzspan war im Gegensatz zu den anderen beiden Bohrproben aber in Oberflächensediment und nicht in das lakustrische Sediment unter den Hügeln eingebettet, so dass der frühmittelalterlich datierte Holzrest während des Bohrvorgangs von der Oberfläche mitgezogen worden sein dürfte. Dies belegen die angefertigten Fotografien relativ deutlich (Abb. 1).
Die Kampagne 2023 – Untersuchungen der Unterwasserhügel 5 und 6 vor Reutenen
Ziel der aktuellen Kampagne des Jahres 2023 war die Dokumentation von weiteren Hügeln zwischen dem Ortsteil Reutenen und dem Lindenhofpark, um anhand von insgesamt drei „Hügelregionen“ – also vor Wasserburg, Reutenen und Bad Schachen – einen einigermaßen repräsentativen Querschnitt durch die Eigenschaften mehrerer Hügelgruppen und in verschiedenen Mikroregionen vor dem bayerischen Bodenseeufer zu erhalten (Abb. 2). Aufgrund der besseren Sichtverhältnisse und der geringen Bewuchsmerkmale beschränkte man sich in den Untersuchungen auf die Hügel 5 und 6 vor dem Ortsteil Reutenen (Gemeinde Wasserburg, Landkreis Lindau), die in den Scandaten des Seenforschungsinstituts Langenargen als die prominentesten Hügel unter den 25 erfassten Exemplaren vor dem bayerischen Ufer erscheinen. Vom 28. Oktober bis 4. November 2023 erfolgten – wie in den Vorjahren – an beiden Exemplaren Oberflächenaufnahmen und Sedimentbohrungen. Zur Erstellung der Orthofotographien wurden an Hügel 5 insgesamt 1483 und an Hügel 6 insgesamt 1111 Einzelfotographien angefertigt. Die Bohrtransekte wurden in Nord-Süd-Richtung angelegt. Starke stürmische Verhältnisse verhinderten leider eine exakte Vermessung und Auswertung der auch in West-Ost-Richtung angelegten Bohrfluchten. Darüber hinaus kam es unvermeidlich zu Messfehlern im Zentimeterbereich. Teilnehmer der Kampagne 2023 waren Tobias Pflederer, Robert Angermayr, Alexander-Dominik Preising, Gerhard Schlauch und Gerd Knepel (Abb. 3). Ergänzende messtechnische und Dokumentationsarbeiten wurden von Franziska Domen übernommen. Am 3. November stellte das Forschungsteam seine Arbeiten vor einem größeren Publikum und dem Historischen Verein Lindau vor. Der Vortrag fand in Verbindung mit Postern und taucherischem Anschauungsmaterial großen Anklang und führte im Nachgang zu einem großen medialen Interesse. In der Sendung „Bayern Erleben“ mit Ausstrahlungstermin am 4. Dezember 2023 wurde den Akteuren eine eigene Dokumentation gewidmet.
Die Untersuchungen der Kampagne 2023 ergaben im Einzelnen folgende Ergebnisse: Steinhügel 5 (Abb. 4) befindet sich in ca. 225 Metern Entfernung zum heutigen Ufer (s. Abb. 3), präsentiert sich in der Aufsicht in ovaler Form, weist eine Flächenausdehnung von ca. 33 x 22 Metern auf und ist in Nordwest-Südost-Richtung am heutigen Uferverlauf ausgerichtet. Der Steinhügel ragt aus dem umgebenden Seesediment um 1,0 Meter heraus und unterscheidet sich damit in Exposition und Flächenausdehnung deutlich von den „flacheren“ Exemplaren vor Wasserburg und Bad Schachen, die gerade mal ca. 20 Zentimeter aus dem Seesediment „hervorschauen“. Unterschiedliche Sedimentations- und Erosionsprozesse dürften diesbezüglich anzunehmen sein. Die Hügel 5 und 6 vor Reutenen sind deutlich markanteren Strömungen ausgesetzt als die Exemplare in der Wasserburger und Bad Schachener Bucht. Die Kuppe des Hügels 5 befindet sich auf 390,0 m (NHN), das Oberflächensediment (Seeboden) am Rand der Hügel auf 389,0 m (NHN). Im östlichen Teil des Hügels fällt ein bis zwei Meter breiter „rinnenartiger“ Streifen mit einer geringeren Steinkonzentration auf. Zu den Rändern hin nehmen die Steinkonzentrationen auslaufend ab. Eine mögliche Fortsetzung der Steinlage unter dem Sediment sowie auch die Genese des „rinnenartigen Streifens“ konnten nicht bewertet werden, da keine Bodeneingriffe stattfanden. Die Steine des Hügels 5 wurden geologisch begutachtet. Die Bewertung ergab, dass die Steine der Grundmoräne des Rheinvorlandgletschers angehören. Sie zeigen eine unterschiedliche mittlere, aber auffallend gut sortierte Größe (Länge x Breite x Dicke bei 10 zufällig ausgewählten Exemplaren im Mittel: 30 x 19 x 11 cm mit Standardabweichungen von 7 bzw. 2 und 3 cm). Gesteine in Steingröße, per definitionem Größen zwischen 6,3 und 10,0 cm, sind eher selten anzutreffen. Außerdem fehlen Anteile in Grobkiesgröße augenscheinlich (per definitionem Größen zwischen 2,0 und 6,3 cm). An lokalen Gesteinsarten sind Gneis, Sandstein, (Glimmer-)Schiefer, Kalkstein und Granit in der groben Durchsicht vertreten. Die Steine sind gänzlich unbearbeitet. Pfähle, Holzkonstruktionen oder Mauerwerk sowie auch Einzelfunde wurden in den Prospektionstauchgängen nicht entdeckt. Im Randbereich des Hügels sowie vereinzelt auf der Steinschüttung selbst sind unbearbeitete liegende Hölzer und ohne Schichteinbindung angelagert.
Die Sedimentbohrungen (Abb. 5) von Hügel 5 wurden bis zu einer maximalen Bohrkerntiefe von 2,0 Metern durchgeführt. Sie zeigen als Ausbruch zuoberst eine auf der Hügelkuppe (B03) bis zu 40 cm mächtige Steinanhäufung (= Befund 1). Im Vergleich zu den Wasserburger und Bad Schachener Hügeln ist die Steinlage damit auf der Hügelkuppe kräftiger ausgeprägt. Nach Norden (B02 und B01) scheint die Hügelkuppe abrupter an Höhe zu verlieren als in Richtung Süden (B04 und B05). Auch die Steinlage dünnt nach Norden schneller aus. Unter der Steinlage zeigt sich eine dunkelgraue bis schwärzliche Sandschicht (= Befund 2), die meist nur wenige Zentimeter dünn ist (auf der Hügelkuppe max. 15 cm). Darunter findet sich in den Bohrkernen eine homogene grau-blaue tonige Schluffschicht (= Befund 3), die einen ganz vereinzelten, kleinkörnigen Molluskenbruch aufweist. Damit dürfte die Schicht durch Sedimentationsprozesse des Sees entstanden und als lakustrisches Sediment anzusprechen sein. In der zentralen Bohrung (B03) auf der Hügelkuppe konnte zuoberst von Befund 3 (im lakustrischen Sediment) und direkt unter der Stein- und Sandlage ein kleines Ästchen dokumentiert werden, das in das lakustrische Sedimentpaket eingebettet war. Sollte dieses nicht durch den Bohrvorgang von oben mitgezogen worden sein, könnte es – wie im vergangenen Jahr an Hügel 24 vor Bad Schachen – erneut eine Möglichkeit zur groben Datierung des Schüttungsvorganges liefern. Der Holzrest wurde daher zur AMS-Datierung an das Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie gGmbH nach Mannheim versandt.
Der Steinhügel 6 (Abb. 6) befindet sich in ca. 205 Metern Entfernung zum heutigen Ufer (s. Abb. 3), präsentiert sich in der Aufsicht als runde bis ovale Erscheinung, weist eine Flächenausdehnung von ca. 20 x 15 Metern auf und ist in Nordwest-Südost-Richtung ebenfalls am heutigen Uferverlauf ausgerichtet. Der Steinhügel ragt aus dem umgebenden Seesediment um 90 Zentimeter heraus und ähnelt damit seinem westlichen „Nachbarn“ Hügel 5 in Exposition und Erscheinungsbild. Die Kuppe des Hügels befindet sich auf 389,7 m (NHN), das Oberflächensediment (Seeboden) am Rand der Hügel auf 388,8 m (NHN). Die ebenfalls gänzlich unbearbeiteten Steine des Hügels ähneln in ihren Dimensionen, der zufälligen Anordnung, in der geologischen Ansprache sowie in ihrer Selektion denen des Hügels 5 sowie auch den anderen bislang erfassten Hügeln. Insgesamt scheint das Steinpaket etwas dünner ausgeprägt zu sein als an Hügel 5. Die Mächtigkeit der Steinlage beträgt auf der Hügelkuppe ca. 15 cm (im Vergleich zu Hügel 5 mit einer Mächtigkeit von ca. 40 cm). Pfähle, Holzkonstruktionen oder Mauerwerk sowie auch Einzelfunde oder bearbeitete Hölzer wurden in den Prospektionstauchgängen nicht entdeckt. Die Sedimentbohrungen (Abb. 7) an Hügel 6 zeigen, dass die Hügelkuppe in nördlicher Richtung (B12 und B11) etwas abrupter an Höhe verliert und auch eine schnellere Ausdünnung der Steinlage erfolgt als in südlicher Richtung (B14 und B15) – und damit in ähnlicher Art und Weise wie an Hügel 5. Die Stratigraphie und Befundabfolge entsprechen ebenfalls den Beobachtungen am Nachbarhügel: Unter der Steinschüttung (Befund 1) folgt eine (maximal 5 cm) dünne dunkle Sandschicht (Befund 2), an die sich erneut homogenes lakustrisches Sediment mit kleinstem und vereinzelten Molluskenbruch anschließt. Organische Reste konnten in den Sedimentproben nicht detektiert werden. Zusammengefasst weist die Schichtgenese und die auffällig selektionieren Steingrößen erneute auf einen menschengemachten Ursprung beider Hügel hin.
Zusammenfassung und Ausblick
Mit den mittlerweile fünf vor dem bayerischen Bodenseeufer kartierten und in der Oberfläche untersuchten Steinschüttungen präsentiert sich mittlerweile ein „Hügelphänomen“, das nicht nur auf das schweizerische Südufer begrenzt ist. Auch wenn Datierungen an weiteren Exemplaren notwendig sind, zeichnet sich eine Gleichzeitigkeit der bislang eingeordneten Hügel ab. Eine neolithische Zeitstellung wird wahrscheinlich.
Trotz der schon gewonnen Erkenntnisse bleibt die unterwasserarchäologische Forschung eine Antwort auf die Frage nach der Funktionalität der Hügel schuldig (siehe hierzu auch Diskussionen bei Leuzinger et al. 2021 und Pflederer et al. 2023): Mauerwerk oder tragende Holzkonstruktionen für aufgehende Bauten zeigen sich bislang nicht. Gegen die Verwendung als künstlich aufgeschüttete Siedlungshügel sprechen das fast vollständige Fehlen von Siedlungszeigern. Leuzinger diskutiert die Verwendung der Steinflächen als Orte für Totenrituale am Übergang der Medien „Wasser“ und „Land“. Bei einem minimalen Wasserpegel des Sees von ca. 393 m NHN müssten sich die Schüttungen stets knapp unter der Wasseroberfläche und damit an der Grenze „beider Medien“ befunden haben. Standen die steinernen Hügel in Verbindung mit dem Fischfang? Steinschüttungen und eingebrachtes – nun nicht mehr nachweisbares – Reisigmaterial könnten als Habitat für kleinere Fische und Jungfische gedient haben, die wiederum größere Raubfische anlockten. Die Großfische hätten dann an Ort und Stelle einfacher gefangen werden können. Die vorbehaltlich (end-) neolithische Datierung der Hügel deckt in der Geschichte der Seeuferrandsiedlungen am Bodensee auch eine Episode mit verschiedenen technischen Innovationen ab. Der anspruchslosere Emmerweizen sowie neue landwirtschaftliche Techniken werden zur Zeit der Unterwasserhügel eingeführt. Erstmals treten Spinnwirtel als Hinweise auf eine zunehmende Textilproduktion auf. Ab ca. 3300 v. Chr. geht man von einer höheren Siedlungs- und Bevölkerungsdichte am Bodensee aus. Es scheint vorstellbar, dass zur Gewährleistung einer ausreichenden Subsistenz auch andere Nahrungsquellen – neben Ackerbau und Viehzucht – verlässlicher erschlossen werden sollten und damit auch die Resource Fisch als naheliegende Nahrungsquelle. Waren die Hügel evtl. Teil einer prähistorischen Uferverbauung zu Schutz vor Strömung und Wellen oder sollten über eine begünstigte Sedimentation zum Ufer hin Siedlungsareale geschaffen werden? Auch diese Hypothesen bleiben zu diskutieren. Allerdings existieren bislang keinerlei Hinweise auf Reste von vorgeschichtlichen Siedlungsstellen in den Uferstreifen zwischen den Hügeln und dem heutigen Festland vor dem bayerischen Bodenseeufer.
Nach Erfassung eines Fünftels der „bayerischen“ Unterwasserhügel mittels Oberflächenprospektionen, Fotogrammetrie und Sedimentbohrungen (Abb. 8) sollte sich als nächster methodologischer Schritt eine unterwasserarchäologische Sondage und Grabung an zumindest einem der Hügel anschließen. Ob damit das „Hügelphänomen Bodensee“ entschlüsselt werden kann, bleibt allerdings abzuwarten.
Tobias Pflederer, Robert Angermayr, Gerd Knepel, Gerhard Schlauch, Alexander-Dominik Preising, Franziska Domen
