Unterwasserarchäologische Studien: Grabungsfortschritt im Süden Mozias in der Lagune von Marsala, Sizilien (um 400 v. Chr.)

Einführung

Die seit 2016 bestehende Kooperation zwischen der BGfU, der Soprintendenza del Mare Palermo sowie der Fondazione Museo Giuseppe Whitaker, in Vertretung Pamela Toti Dott.ssa Maria Enza Carollo, Direttore e Segretario Generale della Fondazione Giuseppe Whitaker, hat bislang im Flachwasser um Mozia mehrere Hinweise auf antike nautische Aktivitäten festgestellt. Zu nennen ist die phönizische Straße sowie der sogenannte Nordhafen und das Schlachtfeld im Norden, mindestens ein Anleger vor dem Ostturm, eine eventuelle Anlegestelle vor dem Südtor sowie Anomalien vor dem Westtor, die auf Substruktionen eines Baus unbekannter Funktion und Größe hindeuten. Die gesamte Lagune war vermutlich während der Blütezeit Mozias in Nutzung und Teile darüber hinaus.

 

Grabungsfortschritt

Die fortschreitende Grabung brachte in der Kulturschicht von Schnitt S001-IV 2023 u.a. Keramik, Nägel, Bauholz und Tierprodukte zutage, die frühere Funde der Schnitte I-III ergänzen (Abb. 1).

 

Fundlage

Die Grabung wurde 2023 nach Osten erweitert, um die Lage eines Holzfundes, ein Rundling aus Weißtanne, zu verfolgen und so evtl. dessen Ende zu lokalisieren. Dies sollte Aufschluss über eine vermutete Holzverbindung liefern.

Der oberste Teil der Kulturschicht enthielt meist zusammengehörige Wandfragmente von Amphoren, mit Sand verbackene Eisennägel, Kieselsteine, einen Miniaturkochtopf mit singulärem Griff ohne Deckel, eine Chytra, sowie die Fortsetzung des Rundholzes dessen Anfang in Schnitt S001-III lag.

Das Profil wies die bekannte Struktur auf: Posidonia-Matte mit Schlick als oberstem Horizont, darunter Schluff unterschiedlicher Körnung mit Molluskenschalenresten, dann die Kulturschicht, gefolgt von einer dünnen Schluffschicht mit Molluskenschalenanteilen. Diese Straten lagen auf Blauton, dessen Mächtigkeit nicht ermittelt wurde (Abb. 2).

 

Drei „Pfahllöcher“?

Nach Abrieb der Kante zwischen S001-I-III fanden sich drei feste Strukturen bei Entfernung des Geotextils aus dem Vorjahr, die das Rundholz schützen sollte (Abb. 3). Sie bestanden aus Schluff, Posidoniateilen, Tonbeimengungen und Molluskenschalen. Im Gegensatz zum umgebenden Sediment waren die lehmig-tonig verklebten Strukturen beim Dredgen als Zylinder mit einer Länge von 20-21 cm und einem Durchmesser von 8-9 cm stehen geblieben. Dadurch erinnerten sie an Pfostenstandspuren erhalten gebliebener Pfahllöcher (Abb. 3).

 

Nägel

In Schnitt S001-IV, Planum 3 in einer Tiefe von 93-105 cm fanden sich sechs mit Sediment verbackene Nagelreste aus Eisen (Tab. 1). Deren Längen lagen zwischen 2,5 und 15,4 cm. Der am besten erhaltene Nagel ohne Verkittungen wurde pars pro toto vermessen. Alle Nägel wurden entsalzt und getrocknet.

Beim Nagel (S001-IV,2 023-Planum 3) handelt es sich um geschmiedetes Vierkanteisen (Abb. 4). Der Kopf steht an drei Seiten über. Die vierte Seite schließt mit der Schaftfläche ab. Der Kopf ist dick und ± rechteckig. Seine Ränder sind ausgefranst und leicht nach unten gebogen. Die Deckfläche und Kopfunterseite sind flach. Die Seitenflächen der Deckfläche fallen pyramidenförmig in ca. 10-13° zum Rand hin ab. Die Nagelkopfhöhe liegt zwischen 0,27 cm am Rand und 1,30 cm in der Mitte. Die Kopfbreite liegt zwischen 1,63-1,71 cm. In der Kopfmitte befindet sich ein Spalt, der die Breite auf 1,40 cm reduziert. Die Kopflänge liegt zwischen 2,27 und 2,55 cm. Die verbliebene Länge des Nagelschafts beträgt 1,69-1,93 cm. An seinem Ende ist er abgebrochen und korrodiert. Der Schaft hat eine durchschnittliche Breite von 1,30 cm (zwischen min. 0,98 und max. 1,50 cm).

Die Schaftseite mit dem Spalt am Kopf weist eine Stauchung im Schaft auf, die durch starke Schläge auf die Nagelkopfseite, die mit der Schaftfläche abschließt zu erklären wäre, wenn der gestauchte Schaft gleichzeitig an ein hartes Widerlager gestoßen wäre, das den Kopf an dieser Stelle verschont hätte. Sonst wäre der gespaltene Nagelkopfrand ebenfalls gestaucht. Dieser Befund könnte auf eine Richtungskorrektur nach teilweise erfolgtem Einschlagen in Holz hinweisen.

 

Organische Funde

Es wurden Samen, Knochen, zahlreiche Holzsplitter und drei bearbeitete Hölzer geborgen.

 

Bearbeitetes Vierkantholz (2023-MOZ-032 aus S001-II, Planum 3c)

Ein 6,8 cm langes Vierkantholz mit einer Dübellochspur (Abb. 5 G) hat eine verkohlte Spitze (Abb. 5 F). Auf der Seite B befinden sich drei lange diagonal verlaufende Kerben unterhalb einer quer verlaufenden Kerbe sowie darüber drei kürzere ebenfalls diagonal verlaufende Kerben. Am Ende der Diagonalkerbe wurde an der Kante eine ⨆-förmige Marke dokumentiert. Die Rundung an der Spitze geht am unteren Teil in ein trapezförmiges Profil über. Die Kanten der drei Flächen weisen einen rechten Winkel auf, während die vierte Seite trapezförmig in einem Winkel von 70° verläuft (Abb. 5 A, Abb. 5 E). Von der Seite B führt eine 2,9 cm lange Rinne quer auf Seite D, die an ein Dübelloch erinnert (Abb. 5 G). Der Durchmesser der Rinne beträgt 0,9 cm. Davon ist etwa die Hälfte von 0,5 cm erhalten. Zwei Seiten bilden einen rechten Winkel zueinander, während die anderen beiden Seiten in einer Rundung verschmelzen. Die Rundung bildete einen Viertelkreisbogen, der sich trapezförmig fortsetzt (Abb. 5 A, Abb. 5 E).

 

Bearbeitetes V-förmiges Reaktionsholz (2023-MOZ-037 aus S001-III+ Planum)

Das V-förmige Holz (Abb. 6) hat eine Länge von 20,2 cm gemessen über die Außenseite des Knies. Es ist außer den Bearbeitungsstellen naturbelassen, rund aber entrindet. Die ovale Schnittfläche von 7,0 cm Länge und 4,3 cm Breite ist grabungsbedingt. Sein Durchmesser beträgt an der Spitze 4,0 cm und sein Umfang 12,0 cm. Im Winkel beträgt der Durchmesser 4,5 cm und der Umfang 13,3 cm. Der andere Schenkel hat einen Durchmesser von 4,7 cm und einen Umfang von 14,9 cm.

Das Holz besteht aus zwei ausgesuchten Pflanzenabschnitten. Während der Schenkel mit der Spitze durch einen ursprünglichen Ast gebildet wird, gehört der andere Schenkel zum Stamm, was der Rest des erodierten Zentralzylinders belegt. Beide Schenkel schließen einen Winkel von 95° ein. Der spitze Schenkel weist eine 8,2 cm lange und 4,2 cm breite, ovale Bearbeitungsfläche an der Basis auf. Diese korrespondiert mit einer zweiten seitlichen ebenfalls ovalen Fläche, die in einem Winkel von 90° auf dieser steht und 8,0 cm lang sowie 2,8 cm breit ist. Durch tangentiales Abschlagen wurde die Spitze erzeugt.

Außerdem finden sich Bearbeitungsspuren auf der Innenseite des Knies. Der spitze Schenkel trägt mittig eine 3,9 cm lange, 0,9 cm breite und 0,5 cm tiefe Rinne. Im Winkel ist ein Loch mit einem Durchmesser von 0,9 cm und einer Tiefe von 0,3 cm festzustellen. Auf der Vorderseite des stammbürtigen Schenkels ist vom Knie zur Innenseite eine diagonale Rinne ins Holz gezogen, die eventuell eine Führungs- oder Abriebrinne eines Seils sein könnte.

 

Bearbeitetes Holz mit gesägtem Ende (2023-MOZ-IV-034)

Das Holz stammt aus dem nordöstlichen Schnitt IV, Planum 3c. Es hat eine Länge von 8,4 cm und eine Breite von 2,7 cm (Abb. 7). Es wure mit den Keramikscherben aus Fund 2023-MOZ-033 geborgen. Während eine Seite des Holzes abgebrochen war, wies die andere eine Schnitt- bzw. Sägefläche in 75° zur Wachstumsachse auf.

 

Knochen und Haut

In der Kulturschicht von Schnitt S001-IV fanden sich außer Holz- und Keramikfunden auch Knochenfunde von je einem juvenilen Rind und Schwein. Die Fleischwertklasse des unbestimmbaren Röhrenknochens lag je nach zugehörigem Skelettelement zwischen 1 und 2. Der Röhrenknochen sowie die Knochen des Kalbs stellten möglicherweise Elemente einer hochwertigen Fleischwertklasse dar, während der Oberkiefer des Ferkels möglicherweise einen geringen Fleischwert hatte.

An dem Knochenfragment des oben erwähnten Röhrenknochens (2023-MOZ-021) sind Reste von Spongiosa zu finden. Bei dem Fragment des linken Radius’ eines Kalbs (Bos taurus) (2023-MOZ-014) ist ein Teil der Epiphysenfläche sichtbar. Im proximalen Bereich der Diaphyse ist eine Bearbeitungskerbe festzustellen. Im Inneren des Radius’ sind der spongiöse Knochen der Metaphyse sowie der Beginn der Markhöhle der Diaphyse zu sehen. Bei dem kleineren Knochen handelte es sich um einen lateralen Bandhöcker eines Rindes, der aufgrund der gemeinsamen Fundlage mit Fund 014 vermutlich vom gleichen Individuum stammt. Dieser trug möglicherweise die Fleischwertklasse 2.

Das Fragment eines linken Oberkiefers stammte von einem Ferkel (Sus scrofa domesticus) (2023-MOZ-030). Sichtbar waren der zweite Milch-Prämolare sowie die Höhle mit dem dritten bleibenden Prämolaren. Dieser war bei der Bergung mit einem Stück Oberkiefer aus dem Fragment ausgebrochen. Die Fleischwertklasse des Oberkiefers war eventuell 3 (Für die Bestimmung der Tierknochen danken wir Prof. Dr. Carsten Staszyk, Institut für Veterinär-Anatomie, -Histologie und -Embryologie der Justus-Liebig-Universität Gießen).

Ein besonderer Fund war das Fragment aus einer dicht mit Kollagen gepackten Lederhaut (2023-MOZ-015) (Abb. 8). Das Hautstück war durch seine Lagerungsbedingungen unter Sauerstoffabschluss oder - weniger wahrscheinlich - durch ehemalige Lagerung in Gerbstofflösung schwarz gefärbt. Die Lagerungsbedingungen waren auch verantwortlich für den Erhalt des Hautstücks. Die Anzahl großer Haarfollikelporen belief sich auf 20-21 pro cm2. Es ließen sich durchschnittlich 2,4 gestreckte Dreiergruppen großer Haarfollikelporen pro cm2 feststellen, was 2-3 Dreiergruppen pro cm2 entsprach. Diese waren von kleinen Poren umgeben. Das Hautstück stammt vermutlich aus dem Lendenbereich des Tieres. Die beschriebenen Merkmale des aufgesammelten Lederhautstücks sprachen für die Herkunft von Ziege (Capra aegagrus hircus). Für die Unterstützung bei der Bestimmung der Tierhaut danken wir Herrn Friedemann Gilbert, Orthopädieschuhmacher-Meister Wetzlar-Dutenhofen.

 

Wandfragmente von Amphoren

Der Hauptanteil der Keramik in S001-IV besteht aus Wandscherben von Amphoren, die im Zentrum des Quadranten vermessen wurden und noch unbestimmt sind (Abb. 9).

 

Miniaturkochtopf Chytra, Form 1: Einhandgriff, ohne Deckel (2023-MOZ-009) vgl. Susan I. Rotroff: Hellenistic Pottery: The Plain Wares. (303-304; 556/P 27989565 und 565/P 18787, Abb. 71, Tafel 61).

Beschreibung

Der Längsbruch des Chytrafragments verläuft etwa an der Hälfte der gegenüberliegenden Seite des Griffs und durch die Mitte des Bodens. Die Resthöhe der in der Länge halbierten Chytra beträgt bis zum Rand 7,8 cm, ihr Körperdurchmesser 10,8 cm, ihr Rand 6,5 cm und sie wiegt 99 g. Ihr Rand ist leicht nach außen gebogen, ihr Korpus ist abgerundet, der Riemengriff verläuft von der Schulter bis zum Rand (Abb. 10). Die Wandung und Unterseite sind leicht dunkelbraun. Am Korpus von der Innenwand bis zum Boden finden sich Drehspuren, die am Hals und Rand fehlen. Die Magerung ist sehr grob, kiesig, dick und rot. Die Körperoberfläche ist hellrotbraun und trägt leicht glänzende, weiß glitzernde Einschlüsse, sie enthält einige Hohlräume. Der Datierung liegt zwischen dem Ende 5. und dem Beginn 4. Jh. v. Chr.

Die Verwendung des Kochtopfs variiert je nach Lebensmittelart. Die kleineren Kochtöpfe waren normalerweise auf Ständern untergebracht, die an einer Seite geöffnet waren, um Holz nachzugeben und den Topf von unten zu erhitzen.

 

Provenienz und Datierung

Keramik dieses Typs stammen aus dem heutigen Kernland Italiens, Caltanissetta (Provinz) sowie aus Sizilien, Gela und Agrigent. Sie wurde in den archaischen, klassischen und hellenistischen Perioden verwendet.

 

Diskussion

Die drei verklebten, zylinderförmigen Sedimentstrukturen, die beim Dredgen stehen blieben, könnten als Pfahllöcher interpretiert werden. Vermutlich steckten an den Stellen im Schnitt Pfähle im Meeresboden, deren Lumen nach Verrottung erneut mit Sediment aufgefüllt worden wurde, das sich von der ungestörten Sedimentumgebung in Farbe und Konsistenz unterschied.

So gerieten vermutlich in diesem Stratum fehlende Posidonia-Pflanzenteile und Blautonbeimengungen in die drei Pfahllöcher, die mit Molluskenschalen und Lehm zur Verfestigung und Farbänderung beitrugen.

Nigro postuliert, dass für die Landung im nördlichen Hafen, der bislang nicht nachgewiesen ist und in Zukunft erforscht wird, oder an den verschiedenen Anlegestellen rund um die Insel sowie für das Ankern in der Lagune generell Anker nicht erforderlich waren. Laut ihm reicht es aus, ein Seil zum Festmachen an einen fest im Lehmboden der Lagune verankerten Pfahl oder an einen auf dem Boden platzierten Stein anzubringen, sofern die Wassersäule nicht tiefer als zwei Meter und die Wellenbewegung begrenzt war (Nigro 2022, 201) . Dieser Annahme ist mangels Beweisen und aus rein nautischer Sicht erst einmal zu wiedersprechen und sie bedarf konkreter Befunde um weiterhin erwägt zu werden. Die bisherige Abwesenheit von Ankern, Objekte, die außerdem mittlerweile mehr und mehr doch von und um die Insel herum bekannt werden, ist kein Beleg für eine solche Hypothese. Folgt man Nigros Idee für einen Moment dennoch, könnte es sich bei den drei Strukturen auch um in der Antike verwendete Pfähle gehandelt haben, die dem Festmachen und Vertäuen von Booten oder Schiffen gedient hätten, während der postulierte aber nicht ergrabene, steinerne Wellenbrecher an der Südseite die Wellenbewegungen weiter gedämpft haben dürfte.

 

Die Chytra mit Einhandgriff, ohne Deckel, könnte, wie das Lesefundmaterial des vergangenen Jahres, neben einer Deutung als Verlustmaterial von der Insel auch theoretisch auf Schiffen Verwendung gefunden haben. Als Feinkeramik und mit nur einem Meter Entfernung vom bislang dokumentierten Material, könnte das Fragment auch einfach durch natürliche Ereignisse dorthin geraten sein.

Die Lederhaut könnte zu den Knochenfragmenten von Ziegen passen, die 2022 zusammen mit solchen von Schafen gefunden wurden. Bei dem Fund stammten die meisten Knochen von den unteren Extremitäten mit sehr niedrigem, vermuteten Fleischwert, während Knochenreste mit möglicherweise hohem Fleischwert weitgehend fehlten. Die Hypothese, dass die unteren Extremitäten im Fell verblieben waren, während solche mit hohem Fleischwert nach Verzehr bereits auf See entsorgt worden waren, gewinnt durch diesen Fund an neuer Attraktivität, bleibt aber natürlich eine Hypothese (Peukert, et al. JB 2022, 16, 22).

Da bereits die Phönizier in der Lagune Salinen betrieben, bot es sich vielleicht an, dort die Konservierung der Felle und Häute durch Salzlakenbehandlung im Bereich der Salinen vorzunehmen. Nach Abfließen der Salzlake nach ca. 15 Stunden konnte eine solche Haut in der mediterranen Sonne getrocknet werden (<12% Wassergehalt).

Von den zahlreichen Eichenarten war die mediterran vorkommende Steineiche mit einem Gerbstoffgehalt von ca. 10 % für die Gerbrindengewinnung die wichtigste. Im Schälwaldbetrieb wurde noch rezent die Rinde von 15-18jährigen Stämmen geschält und getrocknet. Der Holzabfall von 50-60 Jahre alten Eichen, der bei der (Schiffs-)Zimmerei hätte anfallen können, hätte ebenso wie Edelkastanienholz mit 10 % Gerbstoffgehalt zur Verfügung gestanden. Mit Eichenrinde gegerbtes Leder nimmt eine dunkle Farbe an. Im vorliegenden Fall war die Farbe der Haut schwarz. Darüber hinaus hätte das Holz des in Nordafrika und Sizilien aber auch auf den kanarischen Inseln wachsenden Tizera-Strauches (Rhus pentaphylla, Sumachgewächse), mit einem durchschnittlichen Gerbstoffgehalt von 20-22 % eine weitere örtliche Möglichkeit der Gerbstoffgewinnung geboten. Die Bewohner des Atlas besonders in Marokko, Algier und Tunis benutzen seit langer Zeit Tizerarinde und -blätter (Marokkoholz) zum Gerben von Leder (Marokkoleder). Dennoch scheint die Lage unter Sauerstoffabschluss der wesentliche Faktor für die Schwarzfärbung des Hautstücks zu sein.

 

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Lage des untersuchten Areals, vermutliches Baumaterial, bestehend aus bearbeitetem Holz und Nägeln und zusammen mit den neu dokumentierten Lesefunden durchaus weiterhin zum Abfallhorizont eines antiken Anlegeplatzes passen könnte, additiv die Funktion des Rundlings aus Weißtanne, deren Holz gern zu allen Zeiten für Masten und Rahen verwendet wurde, auch wenn dessen konkrete Funktion in diesem Fall noch unklar bleibt. Ob es sich um verlagertes Material von der Küste und/oder der Insel sowie von anderen Orten um die Insel herum handelt oder aber wirklich um die Anzeiger eines direkt vor Ort zu verortenden antiken Anlegers bleibt in Zukunft durch weitere Untersuchungen abzuwarten.

 

Detlef Peukert, Emily Anderson, Ansgar Bovet, Christin Gabriele Faust, Jochen Hägele, Nele Kastenbein, Eric Kressner, Ralph Kunz, Alexander Dominik Preising, Jürgen Reitz, Marlene Schmucker, Pamela Toti, Francesca Oliveri, Roberto La Rocca, Salvo Emma, Ferdinando Maurici

Ein steinerner Ankerstock vor Mozia: Hinweis auf eine Schiffspassage?

Einführung

Seit dem Jahr 2016 führten die Bayerischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie (BGfU), die Soprintendenza del Mare, Palermo und der Fondazione G. Whitaker, in Vertretung Pamela Toti Dott.ssa Maria Enza Carollo, Direttore e Segretario Generale della Fondazione Giuseppe Whitaker, auf Mozia als internationale Kooperation verschiedene Untersuchungen in der Lagune Lo Stagnone di Marsala durch (Peukert et al. 2019, Peukert et al. 2023). Mozia war einst ein Zentrum phönizischer Kultur und Handels. Das Kooperationsteam konnte bislang bei systematischen Prospektionen an nahezu allen Seiten der Insel im Flachwasser erste Einblicke in antike nautische Aktivitäten gewinnen (Oliveri – Lo Porto, 2017; Pflederer 2018; Peukert et al. 2020; Domen et al. 2023).

Die Lagune bot in der Theorie idealen Schutz für Schiffe mit geringem Tiefgang. Im südlichen Teil war und ist die Lagune bis zu 2,50 m tief. Allerdings wurden Riffe und Lagune noch nicht als ein sich selbst-entschlammendes System eines phönizischen Hafens Mozias untersucht (Frost 1963, 109). Obwohl inzwischen einige Untersuchungen in der Lagune durchgeführt wurden, ist die Aussage von Frost bis heute weitgehend gültig (Lena 2007; Tusa 2007; Basso et al. 2008). Abgesehen vom Damm, der Mozia mit Sizilien verband, wurden bis vor den ersten Untersuchungen der Kooperation keine Hinweise dokumentiert, die auf bestimmte Hafenanlage hinweisen würden oder auf die Position antiker Wracks. Honor Frost vermutet den Grund dafür: „Sizilien war nicht die Heimat der phönizischen Siedler, weshalb sie möglicherweise nicht ausreichend mit den örtlichen Gezeiten und Strömungen vertraut waren, um Hafenanlagen zu bauen, die den Test der Zeit bestanden haben. Wäre dies der Fall, stünden die Hafenanlagen nun unter tiefem Schlamm“ (Frost 1963, 110). Daher lag es nahe, u.a. an Mozias tiefstem Ufer vor dem modernen Anleger nach solchen Hinweisen zu suchen, da die Anlegetätigkeit der Fährschiffe dort immer wieder Lesefunde freilegte.

 

Fundlage

Im Jahr 2023 fand sich ein steinernes Ankerstockfragment vor dem Anleger, dem imbarcadero storico G. Whitaker, in einer Wassertiefe von ca. 1,7 m als Lesefund (37°51’57,25"N / 12°28’18,60“E). Er war in der Mitte gebrochen. Der Fundbereich lag östlich der Anlegeplattform am Rande einer Rinne vor dem Anleger. Er war durch Schiffsschrauben der Fährfahrzeuge freigespült worden. Der halbe Ankerstock lag unbedeckt auf dem Meeresgrund 4,5 m vom Rand des Bootsanlegers entfernt. Seine Spitze wies nach Westen.

Der Meeresgrund in diesem Bereich des Stagnone ist von einem Posidonietum oceanicae, einer Seegraswiese, besiedelt. Allerdings ist diese Pflanzengesellschaft um den Anleger herum durch die Schrauben der anlandenden Schiffe abgetragen. Dadurch entstand vor dem Anleger eine Rinne, die gegenüber ihrer Umgebung um ca. 40-50 cm tiefer liegt. Erst ca. 6 m in die Lagune hinein lassen sich Reste von Posidonia oceanica beobachten, die jedoch noch auf einer Strecke von bis 10-12 m von dort furchenartige Störungen in ihrem Bewuchs aufweisen. Alle Störungen münden in eine Fahrrinne (Battello Isola di Mozia) Richtung Südosten zum Porto storico auf dem sizilianischen Festland ein.

Wo Boote und Fährschiffe mehrmals täglich ein- und ausfahren sowie drehen, ist der Meeresgrund eher sandig und gelegentlich mit Steinen versetzt. Der anstehende Fels ist zum Teil freigelegt. An dieser Stelle finden sich regelmäßig Scherben von Grobkeramik. So ragte auch in ca. 2,5 m westlich der Ankerfundstelle und südlich des Bootsanlegers die Hälfte eines Mortariums in leichten Winkel aus dem Boden heraus (Abb. 1 a-b).

Interessanterweise stellte sich heraus, dass die zweite Hälfte des Mortariums schon seit einem Jahr in sechs Scherben vorlag, dessen Restaurierung während eines BGfU-Workshops begonnen worden war. Daraufhin wurden die gehäuften Lesefunde des Vorjahres von der gleichen Stelle in die Betrachtungen einbezogen. Diese fielen durch vermutlich mehrheitlich ägäischen Ursprung auf.

 

Die fragmentierte Hälfte des Ankerstocks (Fund 038)

Die Ankerstockhälfte ist aus einer flachen Steinplatte gearbeitet. Sie besteht aus Sedimentgestein. Aufgrund von Fundlage und Lagerungsbedingungen unterscheiden sich beide Seiten. Die Grundfarbe des Steins ist gelb bis beige (ausgewählter Farbcode: HEX #d7bc86; RGB (215,188,134); CMYK (0,13,38,16)). Die zweite Seite ist aufgrund der Lagerungsbedingungen in schwarzem Untergrund grau-beige gefärbt (ausgewählter Farbcode: HEX #a08969; RGB (160,137,105); CMYK (0,14,34,37)).

Die Oberfläche der Ankerstockhälfte ist grob bearbeitet und dann geglättet. Dadurch wirkt sie leicht wellig. Die Unterseite ist eben und schließt mit leicht gerundeten Kanten ab, während die Oberseite durch einen Bogen abgerundet ist, der in einer Spitze endet. Die bogenförmige Oberseite ist in ihrem Profil durch eine Halbrundung ohne Kanten geformt. In der Mitte sind alle vier Seiten mit einer Ausklinkung versehen, die für eine zuverlässigere Verbindung zwischen Stock und Ankerschaft sorgt (Abb. 2). Bei dem Fund handelt es sich um einen Steinankerstock in entwickelter Form der Teil eines hölzernen Hakenankers war (Abb. 10).

 

 

Maße

Die Länge beträgt zwischen 57,5 cm auf der gelben Seite und 58,7 cm auf der grauen Seite. Der Längenunterschied kommt einerseits durch den S-förmigen Bruch an der Ausklinkung und andererseits am ungleichen Ende der Spitze zustande. So beträgt die Dicke der Spitze 7,2 cm, sie läuft allerdings in einem Winkel von 20,1° aus. Die größte Dicke beträgt 9,6-9,9 cm und die der Ausklinkung 8,3 cm. Der Rest der Ausklingungslänge beläuft sich auf 7,3 cm auf der gelben Seite und auf der grauen Seite 6,2 cm.

Die Aufsicht auf die gelbe Seite weist für den Rest der Ausklinkungslänge auf der bogenförmigen Oberseite 4,7 cm und auf der ebenen Unterseite 7,0 cm auf. Die Höhe der Ausklinkung betägt 14,0 cm. In seiner gesamten Länge der Steinplatte zieht sich auf der gelben Seite ein Riss im Winkel von ca. 8,7° in Wellen von der Spitze bis zur Ausklinkung.

Die Aufsicht auf die graue Seite hat eine Länge von 58,0 cm. Die größte Höhe beträgt 16,7 cm, die der Ausklinkung ergab 14,0 cm auf beiden Seiten. Die Länge des Ausklinkungsrests liegt zwischen 5,3 cm auf der bogenförmigen Oberseite und 6,0 cm auf der ebenen Unterseite.

In einer Entfernung von 3,9 cm von der Ausklinkung ist die größte Höhe von 16,7 cm zu verzeichnen. Weitere 33,3 cm weiter findet sich ein Knick im Verlauf der bogenförmigen Oberseite, der eine Höhe von 12,2 cm aufweist. Die Strecke der Oberseite von 33,7 cm verläuft gerade in einem Gefälle von 9° bis zu einer Marke von 33,7 cm. Erst ab dieser Stelle beginnt der eigentliche Bogen der bis zur Spitze führt. Die Ausklinkung auf Ober- und Unterseite beträgt jeweils 1,4 cm.

Die Dicke der Ausklinkung liegt zwischen 8,8 cm maximal am Ende des unteren Drittels, am Grund der Unterseite 8,6 cm und auf der Oberseite 6,7 cm.

Die Spitze weist eine Breite der planen Unterseite von 5,8 cm auf. Auf der ebenen Unterseite ist die Ecke auf der grauen Seite in einer Länge von 2,8 cm abgeplatzt. Gegenüber auf der gelben Seite beginnt in einer Höhe von 2,3 cm der Riss im Stein bis zur Mitte in fast horizontalem Verlauf um dort um ca. 1 cm nach unten zu springen und dann in leichtem Abfall auf der Gegenseite auszulaufen (Abb. 2).

Das Gewicht der Steinankerstockhälfte beträgt 17,2 kg, so dass das Gesamtgewicht zwischen 34 und 35 kg gelegen haben dürfte.

 

Provenienz und Datierung

Der Steinankerstock entspricht der klassischen griechischen Form Nummer 1 nach Kondrashov (Kondrashov 1995). Er kann u.a. durch Darstellungen auf den Münzen von Apollonia auf das 5. Jahrhundert v. Chr. datiert werden. Diese Datierung wird durch ähnliche Bestände aus dem Mittelmeerraum gestützt (Kapitän 1984, Fig. 9, 34,37). So sind zwei ähnliche Ankerbestände in Pantikapaion durch eine Feuerstelle auf das Ende des 6. oder Anfang des 5. Jahrhunderts v. Chr. datiert worden (Kondrashov 1995, 113). Pantikapaion war 480 v. Chr. Sitz eines bosporanischen Königreichs auf der Taman-Halbinsel an der Straße von Kertsch am Kimmerischen Bosporus.

 

Begleitfunde

Beschreibung des Kragenrand-Mortariums (Fund 039+)

Die in Fundnähe des Ankerstocks geborgenen Scherben ließen sich bis auf ein Boden- und ein kleines Randstück zusammensetzen (Abb. 3). Die hellbraune Grundfarbe der Scherben, die im Jahr 2022 gefunden wurden, ist mit dem ausgewählten Farbcode HEX #e4c59e, RGB (228,197,158), CMYK (0,14,31,11) zu beschreiben. Die schwarz-gefärbten Scherben aus dem Jahr 2023 lassen sich durch den ausgewählten Farbcode: HEX #483e32, RGB (72,62,50), CMYK (0,14,31,72) kennzeichnen. Es gab keinen Unterschied in der Art der Einschlüsse oder ihrer relativen Dichte. Der Kragenrand und die obere Innenwand zeigen die Verwendung eines sehr feinen Schlickers, der eine dunklere Farbe als die des Zentrums aufweist.

Die Kragenrand-Form hat einen flachen Boden, getragen von einem gegliederten Standring, eine konvexe Außenwand und einen stark gegliederten Rand, der an den Kanten leicht abgerundet ist. Seine lange Außenfläche endet mit einem Versatz der Außenwand. Das Mortarium besitzt einen Ausguss, allerdings keinen Griff. Das Randprofil der Ober- und Außenseite ist leicht kantig. Der stark unterschnittenen Kragenrand ist durch eine deutliche Rille von der konvexen Wand abgesetzt.

 

Maße

Der Durchmesser des 2022 sechsteiligen Mortariumrests (2022-MOZ-LF005) beträgt am Außenrand 36 cm und die Randdicke 3,5 cm. Der 2023 hinzugefundene Rest mit Ausguss ist zweiteilig. Der Ausguss hat eine Länge von 6,5 cm und eine Breite seiner Rinne von 3,0 cm. Die Höhe des Mortariums beträgt 9 cm.

 

Provenienz und Datierung

Villing und Pemberton datieren entsprechende Exemplare dieses Typs aus Korinth beginnend vom Ende des 6. oder frühen 5. Jh. v. Chr. Ein solches Datum für die Anfänge der Form wird auch durch Beispiele aus der Athener Agora bestätigt.

Die erste Phase der phönizischen Amphorenproduktion aus dem 5. Jh. v. Chr. zeigt zwei weitere feste Mortaria, die Villing und Pemberton 2010 in ihren Abb. 7 und 12 zeigen (Pemberton – Villing 2010, 572-575). Das Profil der ersteren zeigt fast keine Gliederung des Randes, aber es gibt eine leichte Abweichung von der Basis der konvexen Wand. Das Fragment beginnt etwa auf halber Höhe der Wand nach unten mit seiner sandigen Oberfäche und weist einen erkennbaren Schlicker an der oberen Wand auf. Dieses Beispiel nimmt in der Entwicklung der Mortaria den späteren Rand und die Verwendung eines Schlickers vorweg. Im Beispiel 12 des Mortariums mit konvexer Wand und stark gegliedertem Rand besteht der Schlicker aus einer feinen hinzugefügten Körnung vergleichbar einer Textur von Sandpapier. Gleichzeitig war der gegliederte Scheibenfuß in der Mitte des 5. Jh. v. Chr. verschwunden.

Das Erscheinen des Ausgusses vor dem 5. Jh. führt ein neues Element einer bestimmten Funktion ein. Keines zeigt einen Griff bis zur Mitte des 5. Jh. In seinen Ursprüngen scheint die Kragenrandform nach den Autorinnen eine Verbindung zu archaischen Beispielen herzustellen, sowohl im Profil als auch im Kontext. Bei Ausgrabungen wurde im Ziegelmaterial eine Form für einen Kragenrand aus Ziegelmaterial gefunden. Daher waren offenbar zumindest einige der klassischen Mortaria aus Formen in den Ziegeleien hergestellt worden. Die meisten Mortaria haben die Form eines Kragenrandes und stammen aus dem 5. Jh. (Villing – Pemberton 2010, 572-575).

Da das vorliegende Mortarium des in Villing und Pemberton abgebildeten Schale von Abbildung 7 entspricht, der Fund auf ehemals phönizischem Gebiet getätigt wurde und eine Reihe benachbarter Funde in die entsprechende Periode datiert werden können, können diese Hinweise für eine Datierung in das 5. Jh. sprechen. Außerdem weisen auch andere Funde einen Bezug zu Korinth auf, wie z.B. eine Amphore des Typs Korinth B (Abb. 6; 7) .

 

Weitere Keramikfunde

In unmittelbarer Nähe der Ankerstock- und Mortariumfunde wurden weitere Lesefunde getätigt. Darunter sind Fragmente eines Askos oder Lekythos (Abb. 4) sowie eines Skyphos (Abb. 5A), zweier Mortaria (Abb. 5B und 3) und diverser Amphoren (Abb. 5C und D).

Der Skyphos, ein zweihenkeliges Trinkgefäß für den täglichen Gebrauch, wurde dem korinthischen Typ zugeordnet. Sein Fuß und unterer Teil des Körpers sind erhalten. Er ist dünnwandig, hat einen leicht ausgestellten Ringfuß, eine hohe, leicht konvexe Wand und trägt eine breite, raue Rille am Übergang von Wand und Fuß. Der Ringfuß hat einen Durchmesser von 12,6 cm, seine größte erhaltene Breite beträgt 13,4 cm. Als Comparandum dient der Skyphos 122 Korinthischer Typ (P 32477) mit Datierung auf ca. 525-500 v. Chr. (Lynch 2011 Fig. 106, 253) (Abb. 5A). Von dem Fragment eines Askos oder Lekythos sind der Rand mit Henkelansatz, der Hals und ein Teil der Schulter erhalten. Der Henkelansatz auf dem Rücken fehlt. Seine Farbe ist rottonig, der Durchmesser der Ausgusslippe beträgt 3,9 cm, der des Halses 2,5 cm und der des Henkels 1,4 cm (Abb. 4). Das Mortarium, eine Reibschale mit Ausguss, hat eine teilweise erhaltene Lippe und Wand. Es handelt sich um einen rottonigen Scherben (Abb. 5B). Des Weiteren fanden sich ein Fuß einer Amphore (Abb. 5C), verschiedene Amphorenfragmente darunter Rand- und Fußscherben (Abb. 5D). Weitere Keramikfunde, die ebenfalls in unmittelbarer Nähe zum Ankerstock gemacht wurden, können den Zeichnungen (Abb. 6) entnommen werden.

 

Zu dem Korinth-B-Amphorenfragment bemerkt Sourisseau 2022: „Es handelt sich höchstwahrscheinlich um eine sogenannte korinthische B-Amphore (die sich auf eine heterogene Reihe von Produktionen aus Produktionszentren aus Korinth, Kerkyra, der südlichen Adria und wahrscheinlich Siedlungen im östlichen Teil von Magna Graecia bezieht). Wenn der Hals relativ kurz ist und der dreieckige Rand gut ausgeprägt ist, stammen sie im Allgemeinen aus dem 5. Jh. Je länger der Hals und je weniger ausgeprägt der Rand, desto später stammt sie aus dem 4. Jh. Sie zeichnen sich durch eine Quetschung des Halses in Höhe der Griffe aus, die im Laufe der Zeit immer deutlicher wird und die Verformung erklärt. Was Ihr Beispiel betrifft, könnte es sich auf den ersten Blick um ein Beispiel aus dem frühen 4. Jh. handeln.“ (Sourisseau 2022).

Ein ringförmig geformter Kalkstein, der eine bikonisch angelegte Perforation aufweist, an zwei Stellen eines Ringviertels randständige Abschläge aufweist und vermutlich als Netzsenker genutzt worden ist, ist ein weiterer Hinweis auf nautische Tätigkeiten am Fundort. Seine Maße betrugen Länge: 8,4 cm, Breite: 7,5 cm, Lochdurchmesser: 1-1,2 cm (Abb. 8).

 

Der Fundumstand aller beschriebenen Funde lässt keinerlei stratigraphische Zuweisung zu, ebenso wenig wie zu einem konkreten Kontext. Es könnte sich um ein Konvolut von Abfall eines Verlusthorizonts ebenso wie Teile von verlagerten Funden der nahen Uferzone handeln. Nähere Aussagen zu einer etwaigen Zuweisung können nur weitere Kampagnen und zukünftige, ungestörte stratigraphische Vergleiche im unmittelbaren Umfeld klären.

 

Diskussion und Schlussfolgerungen

Von Honour Frosts Aussage „Jeder unter Wasser gefundene Anker repräsentiert die Passage eines Schiffes. Daher hat er das Potenzial Hinweise auf die Größe und Herkunft des betreffenden Schiffes zu geben (Frost 1997, 25)“ gilt es sich zu distanzieren, da Lesefunde von Ankern oder Fragmente derselben nachweislich auch sekundäre Nutzung erfahren haben können und solange die Umstände es nicht zweifelsohne nahelegen, sie nicht als zwangsläufiger Hinweis auf eine Schiffspassage gelten müssen.

 

Das zuvor beschriebene Ankerstockfragment von Mozia ist 58,0 cm lang und 16,7 cm hoch, während vergleichsweise ein aus attischem Marmor aus Hymettos von Gravisca beschriebener 94 cm lang und 28 cm hoch ist, das heißt, dass der Ankerstock von Mozia nur ca. 62 % dessen Länge und 60% dessen Höhe erreicht. Während die Gesteinsart des Mozia-Ankerstocks von der des genannten aus Gravisca unterscheidet, kann bei dem Mozia-Ankerstock ebenfalls formale Akuratesse seines Schaftschnitts festgestellt werden, wie sie Gianfrotta für seinen Fund beschreibt (Gianfrotta 1977, 287-288). Das Ankerfragment von Gravisca wurde als Baumaterial wiederverwendet. Eine Widmung an Aphrodite, die Beschützerin der Häfen, an einem anderen Ankerstock des Ensembles von Gravisca bezeugt dort einen guten Ankerplatz und gleichzeitig die vermutliche Verwendung des Ankerstocks als Votivgabe. Die Datierung der Wiederverwendung in den Mauern vermutet Gianfrotta aus der zweiten Hälfte des 5. Jh. v. Chr. Seine ursprüngliche Verwendung als Opfergabe würde somit in den Zeitraum der letzten Jahre des 6. Jh. und der zweiten Hälfte des 5. Jh. fallen.

Im Museo Whitaker auf Mozia ist ein vollständiger steinerner Ankerstock ausgestellt, der von seinem Typus her mit unserem Fund vergleichbar ist, dessen genaue Fundumstände leider nicht zu klären sind, da er während der Bergung in einem Gebäude an der Nordseite der Insel undokumentiert aus dem Profil brach und nachträglich nicht mehr zuweisbar war (Abb. 10). Dieser komplette Ankerstock gehörte aufgrund seiner Größe und seines Gewichts zu einem hochseetauglichen Schiff der Klassik.

 

Auf Mozia wurden vier Steinanker, darunter ein Eigengewicht und zwei Ankerreste gefunden. Nigro ordnet sie zwischen das 14. und das 5. Jh. v. Chr. ein. Die Exemplare stammen aus den beiden Heiligtümern Mozias, jenem des Baal und der Astarte im Süden am „Kothon“, und dem Melqart-Tempel im Norden, „Cappiddazzu“. Sie wurden laut Hypothese als Opfer- oder Votivgaben Teil der Sakralarchitektur (Nigro 2022, 201).

Ein steinerner Schwerkraftanker mit einem Loch (M.2768) der eventuell als Eigengewicht diente, um ein Boot im flachen Wasser vertäut zu halten und ein Dreilochanker (M.2772) für Seil und Flunken sowie einem viertem Loch für ein zweites Seil zum Lösen des Ankers wogen jeweils ca. 150 kg. Damit konnten sie ein Hochseeschiff von ca. 15 t und einer Länge von 16-20 m stabilisieren.

Das Loch des Ankers M.4379, der beim Astarte-Tempel in der Temenos-Mauer verbaut ist, war mit einem kräftigen Eisenring verstärkt. Sein berechnetes Gewicht beträgt etwa 120–130 kg und könnte für ein Schiff mit einer Verdrängung von 12–14 t und einer Länge zwischen 13-18 m verwendet worden sein. Dieser Anker wurde ins 7. Jh. v. Chr. datiert und könnte zu einem ca. 15 m langen Schiff gehört haben.

In der östlichen phönizischen und griechischen Welt wurden Steinanker nicht nur in der Sakralarchitektur verwendet, sondern auch in Tempeln als Votivgaben niedergelegt. Das könnte auch auf die Steinanker von Mozia zutreffen.

Vor dem imbarcadero Mozias wurde ein 5,5 kg schweres Fragment eines halben Bleiankerstocks dokumentiert, welches eine Länge von 15–20 cm und eine Breite von 8–10 cm aufwies. Die Trapezform seines Profils wies auf einen römischen Kompositanker aus Blei und Holz hin, der zwischen dem 2. Jh. v. Chr. und dem 1. Jh. n. Chr. datiert. Das Bleiankerfragment gab bereits zu Beginn der Untersuchungen vor Ort durch Fiederling und Pflederer einen ersten Hinweis auf einen möglichen antiken Ankerplatz vor Ort (Pflederer et al. 2017, 80).

Im Gegensatz zu den, bislang als Votivgaben interpretierten Steinankern, sind die beiden Ankerfragmente aus Blei und aus Stein bislang die einzigen, die sich am Grund der Lagune und bislang nur auf der Ostseite der Insel fanden.

 

Diese Funde von Mozia zeigen wie andernorts die Entwicklung vom Schwerkraft- zum Stockanker und die Entdeckung der Kombination von Gewicht und Hebel als Innovation. Das beschriebene Ankerstockfragment, das ursprünglich zur Ausstattung eines Schiffes mit bis ca. 4 t Verdrängung und 5-6 m Länge gehört haben könnte, lässt sich ins 5. bis Anfang 4. Jh. v.Chr. einordnen. Die keramischen Lesefunde der Umgebung datieren in den gleichen Zeithorizont, wenn sie auch aufgrund ihres Fundumstandes nicht mit dem Fund des Ankerfragments zu vergesellschaften sind. Das Fragment des Ankerstocks könnte somit vorläufig eine Hypothese nautischer Aktivitäten der klassischen Epoche auf dieser Seite der Insel stützen.

 

Die dokumentierte Keramik könnte auch in diesem Zusammenhang als Schiffsausstattung- und/oder Vorratsgegenstände gedient haben. Das Fragment eines Askos oder Lekythos hingegen ist einem anderen Nutzungszusammenhang zuzuordnen. Schmalhalsige Askos-Varianten dienten z.B. der Aufbewahrung von Parfüm, Honig oder Essig. Lekythoi hingegen waren schmale Gefäße mit einer engen Öffnung um Olivenöl dosieren zu können. Diese fanden unter anderem in religiösem Zusammenhang Verwendung bei Trankopfern und als Grabbeigaben. Am Übergang der archaischen Periode (5. Jh. v. Chr.) zur klassischen Periode (480–336 v. Chr.) wurden in Abhängigkeit der Region beide Vasentypen zusammen mit Skyphoi genutzt. Aus diesem becherartigen Trinkgefäß mit zwei horizontalen Rundhenkeln und einem niedrigen Fuß wurde beim Symposion Wein getrunken.

 

Da diese Gefäße allerdings auch für Trankopfer Verwendung fanden, könnte man sich diese auch als Abfall nach einem abgeschlossenen Ritual im Bereich eines Anlegers vorstellen, wo Seefahrer eventuell nach einer sicheren Ankunft solche Opfer darbrachten. Lorenzo Nigro liefert einen solche Deutungsvorschlag z.B. für drei Amphorenhälse, auch wenn dies rein hypothetisch bleibt und es sich ebenso um zusammengewürfeltes Verlustmaterial handeln kann, da solche Horizonte von der Insel aus nachweislich ebenfalls in die Flachwasserzonen erodiert sind und es nach wie vor tun.

 

Die ähnlichsten Beispiele sind Exemplare aus Mozia selbst, ein Askos aus dem Museo Whitaker (Toti 2023) und zwei Lekythoi auf die uns freundlicherweise Dr. Orsingher aufmerksam machte (Email, 25.5.2024). Der Vergleich zeigt jedoch, dass der hier getätigte Fund auch von diesen Lekythoi abweicht. Die Scherbe hat einen geringeren Randdurchmesser, eine höhere Randdicke bei der geringsten Wanddicke der Vergleichsstücke. Außerdem ist der Rand eines der Fragmente abgesetzt. Die genaue Bestimmung bleibt somit weiteren Untersuchungen vorbehalten, wogegen die Datierung unstreitig ins 4. Jahrhundert v.Chr. erfolgen kann. Vergleich infrage kommender Lekythoi:

 

MF.05.1268a/101, Taf. LV: Durchmesser: Rand 9,0 cm; Dicke Rand: 0,6 cm; Dicke Wand: 0,7 cm.

MF.04.1273/6, Taf. LXXII: Durchmesser Rand 6,5 cm; Dicke Rand: 0,7 cm; Dicke Wand: 0,5 cm.

Mozia 2023/007: Durchmesser Rand: 4,5 cm; Dicke Rand: 0,8 cm; Dicke Wand an Schulter: 0,35-0,4 cm.

 

Unabhängig von der endgültigen Bestimmung fanden beide Vasentypen sowie der erwähnte Skyphos-Scherben auch für Trankopfer Verwendung. Daher könnte vermutet werden, dass diese für ein Ritual gedacht waren, das bei glücklichem Anlanden durchgeführt wurde, wie Nigro es auch für drei Amphorenhälse für Trankopfer vermutet, die bei den Ankern am Boden befestigt waren und die Heiligkeit des Ortes signalisieren sollen.

 

Ein Beispiel, wenn auch aus anderem Raum und Zeit zeigt z.B. ein Grabgemälde aus dem Neuen Reich, welches eine Gruppe kanaanäischer Schiffe darstellt, die in Ägypten anlegen. Einige Mitglieder der Crew heben ihre Hände zum Gebet, während hochrangige Seeleute Trankopfer darbringen und Weihrauch verbrennen, um ihre sichere Ankunft zu feiern (Brody, 1998, 101).

Orsingher et al. beschreiben einen Askos griechischen Typs phönizischer Produktion (Inventarnummer: SEL 32928, Fig. 10.2, 255), der manchmal als „ionischer Typ“ definiert werde, weil er u.a. Parallelen mit dem des im Schiffswrack von Gela gefundenen aufweise, so auch zum Askosfragment aus dem Flachwasser vor Mozia, der im Detail jedoch von diesem abweicht, doch zeigt, dass die Form in verschiedenen Regionen des phönizischen Mittelmeerraums geschätzt wurde. Aufgrund makroskopischer Analyse des Tons schreiben die Autoren, die Herstellung dieses Askos’ den Werkstätten von Mozia zu. Die zahlreichen Fragmente dieses Typs wurden zwischen der Südseite des Altars von Tempel B und der Nordkante des Südgebäudes im städtischen Hauptheiligtum von Selinunt gefunden. Die Autoren datieren sie in die Phase der Monumentalisierung des Heiligtums, welches vom 6. bis ins 4. Jh. v. Chr. datiert. Das Vorhandensein korinthischer und ostgriechischer Vasen lege die Identifizierung eines Teils dieser Keramik als Nutzungsmaterial innerhalb des wichtigsten städtischen Heiligtum nahe. Die Verwendung von Askoi als Gießgefäße werde sowohl im phönizischen als auch im griechischen Kontext anerkannt.

Tierförmige Askoi kommen in Tophet-Heiligtümern vor, wo sie möglicherweise für Trankopfer verwendet wurden. Zudem verwendeten die Phönizier auch importierte Askoi, die mit dem Ausgießen von Wein in Verbindung gebracht werden. Bemerkenswert für die Funktion sei eine Bronzefigur aus dem Mastio-Schrein am Monte Sirai, die Flüssigkeit aus einem einheimischen Askoid-Krug in eine Schüssel gießt. Die Verbindung zwischen Askoi und Wein wurde auch für ein Beispiel aus dem Heiligtum des Zeus auf dem Berg Lykaion vorgeschlagen. Die Nutzung anderer Flüssigkeiten, wie etwa parfümiertes Öl, wurde ebenfalls für Askoi diskutiert (Orsingher et al. 2020, 254-256).

 

Phönizische Seeleute führten vermutlich Riten durch, um durch Opfer, Gebete, Darbringungen, Trankopfer oder Gelübde göttlichen Beistand für Sicherheit und Navigation auf Reisen zu erhalten. Im Hafen fanden diese vor der Reise oder bei sicherer Ankunft statt und an Bord könnten Rituale beim Verlassen oder Einlaufen in den Hafen, beim Passieren eines Wahrzeichens oder in Situationen der Gefahr durchgeführt worden sein.

Das Heiligtum in Kition-Bamboula, einer phönizischen Kolonie auf Zypern, liefert uns die detaillierte Informationen zur religiösen Nutzung von Steinankern. Der Tempel enthielt als rituelle Opfergaben deponierte Steinanker aus zwei seiner Phasen, die auf ca. 650-500 v. Chr. datiert werden.

Veränderungen an den Ankern könnten das Verschwinden von Votivankern oder Ankerteilen aus dem Votivinventar von Heiligtümern erklären, die Schutzgottheiten der Seefahrer gewidmet waren. Die jüngere der beiden maritimen Opfergaben in Kition-Bamboula war ein großes Stück eines steinernen Ankerstocks. Möglicherweise spiegeln Anker oder Teile davon neue Entwicklungen in der Ankertechnologie wider, wie der Stock, der in einem phönizischen Tempel geopfert wurde und der jünger datiert wurde als ältere Evidenzen aus Sukas, Kition-Bamboula und Coria del Río. Das könnte erklären, warum neue Elemente wie leicht wiederverwertbare Ankerstöcke aus Blei oder verrottbares Holz nach der technischen Innovation zum Stockanker archäologisch kaum noch als Votivgaben dokumentiert sind (Brody 2021).

Die aufgrund ihrer Nut in der Mitte sehr bruchanfälligen steinernen Ankerstöcke gingen oft verloren. Daher hatte der steinerne Stockankertyp auch nur eine verhältnismäßig geringe Laufzeit. Häufiger Verlust der Anker und potenzieller Ankerstock-Votivgaben steht somit im Raum und es ist nicht auszuschließen, dass der Askos für ein Trankopfer gedient haben könnte.

 

Festzuhalten bleibt, dass alle neu dokumentierten Lesefunde, das Ankerfragment wie auch die Keramik, wenn es sich nicht um verlagertes Material von der Insel handelt, potenziell additiv das Wissen über den Nutzungshorizont der Ostseite der Insel innerhalb der Lagune verbessern kann. Es mag verführerisch sein, vereinzelten Autoren folgend, eine potenzielle Verbindung des Ankerfragments und z.B. des Askosfragments hervorzuheben und jene zusammen im Licht von möglichen Veränderungen ritueller Handlungen von Seefahrern zu sehen. Dies bleibt jedoch bislang eine reine Hypothese und man muss sich deutlich von einer Überinterpretation von Kontexten distanzieren, die wie in diesem Fall nur die Auswertungstiefe von Lesefunde besitzen und keiner gesicherten Stratigraphie, bzw. nicht mit Sicherheit einem ungestörten Kontext zuzuweisen sind. Die Beobachtungen und Überlegungen zu diesen neuen Einzelfunden bleiben in Zukunft mit Ergebnissen aus weiteren stratigraphischen Kontexten abzugleichen, wie sie z.B. die Grabung durch F. Domen an einem Anleger an der Ostseite der Insel in der näheren Zukunft liefern wird. Durch diese Verknüpfung wird es möglich sein, ein umfassenderes und zusammenführendes Bild der Situation am Ostufer der Insel zu zeichnen und neue Perspektiven der Forschung für die Zukunft aufzuzeigen.

 

 

Detlef Peukert, Emily Anderson, Ansgar Bovet, Christin Gabriele Faust, Jochen Hägele, Nele Kastenbein, Eric Kressner, Ralph Kunz, Alexander Dominik Preising, Jürgen Reitz, Marlene Schmucker, Pamela Toti, Francesca Oliveri, Roberto La Rocca, Salvo Emma, Ferdinando Maurici

Unterwasserarchäologische Studien an einem vermuteten, antiken Wellenbrecher im Süden Mozias in der Lagune von Marsala, Sizilien (um 400 v. Chr.)

Die gesamte Lagune Lo Stagnone di Marsala dürfte in der Blütezeit der Insel Mozia genutzt worden sein (Oliveri and Lo Porto 2017, V. Tusa 1988). Seit 2021 fokussiert sich neben einem anderen Team eine Gruppe der BGfU im Rahmen der Kooperation mit der Soprintendenza del Mare Palermo und der Fondazione Giuseppe Whitaker, in Vertretung Pamela Toti Dott.ssa Maria Enza Carollo, Direttore e Segretario Generale della Fondazione Giuseppe Whitaker, auf Fundzonen vor dem Südtor. Wie Interpretationen jüngster Bohrungen ergeben haben, könnten zwei zangenartige Strukturen, deren Untergrund vermutlich aus geschüttetem Stein besteht, die Funktion eines Wellenbrechers gehabt haben.

 

Wellenbrecher

Per Satellitenbild lässt sich ein westlicher und ein östlicher Flügel, einer auch unter Wasser gut sichtbaren Struktur, mit zangenförmig abgerundeten Enden ausmachen (Abb.1). Sowohl die östliche (Abb. 1 J) als auch die westliche, trichterförmig aufeinanderzulaufende Struktur (Abb. 1 H) hat eine Länge von ca. 40 m, die jeweils für weitere ca. 12 m in parallel verlaufenden Einfahrtswangen in einem Winkel nach Norden abknickt (Abb. 1 I). Der westliche Wall ist in SW-NO-Richtung in ca. 248° und der östliche spiegelbildlich in NW-SO-Richtung in ca. 112° positioniert. Der westliche Wall ist gegenüber dem östlichen um ca. 7 m in Richtung Ufer zurückgesetzt, so dass sich die dadurch asymmetrisch verschobene, abgerundete, zangenartige Einfahrt nach SSW hin im Winkel von ca. 200° in Richtung Capo Lilibeo öffnet, dem Zugang zur Lagune. Der an der Basis ca. 6-8 m und auf seiner Krone ca. 3 m breite, schwach gewölbte Westwall hat eine Höhe von ca. 30 cm gegenüber dem landwärtigen Meeresbodenniveau. Die gegenüberliegenden Einfahrtswangen lassen heute eine Einfahrt von ca. 6-7 m frei. Auf den ca. 40 m vom Strand bis zur Vertiefung vor der strandseitigen Vertiefung vor dem Damm (5 m-Punkt der Catena) fällt der Meeresboden sehr schwach geneigt auf eine Wassertiefe von 107 cm ab, was einer Hangneigung von 2,7 % entspricht.

 

Von ihrer Form her ließ die schwach gewölbte sichtbare Struktur den Kulminationsbereich eines inzwischen submersen Wellenbrechers vermuten. Aufgrund der Funde auf dessen landwärtiger Seite, die an der Grabungsstelle bei F gemacht wurden, werden antike nautische Aktivitäten vermutet. Um die Struktur hinsichtlich anthropogenen oder natürlichen Ursprungs klären zu können, wurde die Bohrtranssekte C5 von der Lagune zum Ufer in SSO-NNW-Richtung in 157° über den stark geneigten lagunenwärtigen Hang, den Kulminationsbereich und den ebenso geneigten landwärtigen Hang des Damms angelegt. Somit sollten durch geringen Aufwand Ergebnisse erzielt werden (Abb. 1; Abb. 2).

Der Bohrer stieß dort allerdings vielfach auf Stein, daher mussten im Kulminationsbereich der Erhebung mehrere Bohransätze vorgenommen werden, bis ein Ansatz in der Substruktur in eine Lücke traf. In diesen Lücken konnten die tiefsten Bohrungen bis zur Blautongrenze niedergebracht werden. Im Einzelnen ergab das Bohrtranssekt das unten beschriebene Bild (Abb. 3).

 

Bohrtranssekte und Stratigraphie

In der Lagune kommt aufgrund lakustriner, küstennaher Ablagerungen verbreitet Blauton (blaugrau) als unterste Schicht der Bohrkerne vor. Jeweils lagunenwärts am Fuß beider Erhebungen von A konnten orange gefärbte horizontal verlaufende Bänder unterhalb der obersten Blautonschicht festgestellt werden. Diese Verfärbung des Blautons war durch Sauerstoffzutritt zu erklären. Diese trat in keinem weiteren Bohrloch der insgesamt 25 m langen Strecke der Bohrtranssekte auf. Die Hangneigung des Blautonhorizonts lag zwischen 2,9 und 5,2 %, das heißt, dass sie sehr schwach bis mittelschwach geneigt war. Da der Blauton plio-pleistozänem Ursprung zugeordnet wird, diente er im Zuge der Untersuchungen archäologischer Artefakte als Horizont, unter dem in der Regel keine Befunde oder Funde zu erwarten waren.

Darüber fand sich eine dünne Schicht von Kalkkonkretionen (gelb). Gelegentlich war diese so dicht, dass sie das Weiterbohren unmöglich machte. Die Kalkkonkretionen können als Indikatoren für geochemische Prozesse genutzt werden. Vorzugsweise in Warmzeiten des Postglazials sind diese über Zeiträume von bis zu 2.500 Jahren entstanden. Die Konkretionen sind die Folge oberflächennaher Auswaschungen aus kalkhaltigem Lockergestein nach Übersättigung der Bodenlösung mit Kalk. Dabei gelangt durch kohlendioxidhaltiges Sickerwasser gelöstes Calciumhydrogencarbonat in tiefergelegenen Erdschichten. Kohlendioxid und Wasser verbinden sich dabei zu Kohlensäure (H2CO3), die sich im Boden bei geringeren Temperaturen und höherem CO2-Partialdruck bildet und im Durchschnitt 0,2 mg/l Kalk auflösen kann. Der Lösungsprozess setzt bei Jahresniederschlägen von circa 650 bis 550 mm im Winterhalbjahr ein. Die daraus resultierenden circa 200 mm Sickerwasser pro Jahr werden überwiegend in den Bodenporen gespeichert. Allerdings findet dieser Prozess auch bei Jahresniederschlägen von weniger als 550 mm statt. An der Küste Westsizilliens ist das mit seinen <500 mm Jahresniederschlag der Fall. Der Horizont mit entsprechender sekundärer Kalkanreicherung führt nach Akkumulation in feinen Poren und Gefügeflächen zu Kalkausfällungen. Diese Ausfällungen werden durch oberflächennahen Temperaturanstieg und geringem CO2-Partialdruck beschleunigt. Da der undurchlässige Blauton jedoch eine weitere Tiefenverlagerung des Kalkes verhindert, kommt es oberhalb des Kapillarsaumes des Blautons zu einer Übersättigung der Bodenlösung und der Kalk fällt in Form von Konkretionen aus.

Oberhalb der Schicht mit Kalkkonkretionen (gelb) konnte eine mehr oder weniger stark mit Molluskenschalen akkumulierte Schluffschicht festgestellt werden (Grautöne), die gemäß ihrer Korngröße verteilt vorlag. In den tieferen Bereichen der Schluffschicht war diese mit Wurzelresten von abgestorbener Posidonia oceanica aus älteren Perioden angereichert. In diesen konnte ein Geruch nach faulen Eiern festgestellt werden, was das Vorhandensein von Schwefelwasserstoff anzeigte (grün).

Die oberhalb der Schluffschicht durch Ausbruch aus dem Bohrer gekennzeichnete Schicht bestand aus einer schwarzen Schlammschicht, die sich durch Posidonia oceanica im Bereich ihrer Matte rezent angesammelt hatte (weiß). Die Krautschicht einer Seegraswiese (Posidonietum) bedeckte schließlich den Meeresboden.

 

Diese Beschreibung wich an zwei Stellen des Transsekts von der beschriebenen Schichtung ab (Abb. 1). In dem braun gekennzeichneten Bereich A zwischen laufendem Meter 1 und 5 stieß der Stechbohrer wiederholt auf Stein (schwarz). Während auf Meter 3 und 4 das Ende der Bohrung zwischen ca. 1,30 m und 1,60 m auf Stein stieß, ließ sich nach Fehlversuchen auch auf Meter 1, 2 und 5 eine Bohrung bis zum Blauton niederbringen, die offenbar in einer Steinlücke gelang. Der Verlauf des steinernen Untergrunds entsprach dem der begehbaren Wallkrone. Nur bei Meter 4, der bereits ca. 30 cm unterhalb der Krone am rezenten Tiefenbereich lag, stand der Stein im Untergrund nur 30 cm tief unterhalb einer verhältnismäßig dünnen Schluffschicht an. Somit schien das vermutete Steinpaket an dieser Stelle unterhalb der Dammkrone sowohl in Richtung Südtor als auch zur Lagune hin um ca. 20 cm gegenüber seiner Mitte erhöht zu sein. Während in der Mitte des Dammquerschnitts auf Meter 3 und 4 kein Durchdringen bis zum erwarteten Blauton möglich war, konnte dieser unter den Flanken des Damms in Gesteinslücken nachgewiesen werden. Das lässt die Vermutung zu, dass die gesamte Steinpackung auf dem Blauton lagert. Falls dieser sich jedoch bei einer künftigen Grabung nicht nachweisen ließe, müsste für die Lücke an dem ansonsten vom Ufer bis in die Lagune hinein durchgehenden Blautonhorizont eine Erklärung gefunden werden.

Die landwärtige Erhebung B fand grundsätzlich ihre Entsprechung im Verlauf der darunter liegenden Blautonschicht, die von einer gleichmäßig mächtigen Schluffschicht überlagert war. Bei Meter 8 bis 10 war dagegen sowohl die Schluffschicht, die Kalkkonkretionen enthaltende Schicht (besonders bei 8 m) als auch diejenige mit Wurzelresten abgestorbener Posidonia oceanica aus älteren Perioden auffallend dick, so dass im Zusammenhang mit Schwefelwasserstoffgeruch der anaerobe Abbau einer vergleichsweise großen Menge organischer Substanz erkennbar wurde (besonders bei Meter 9). An dieser Stelle schnitt das Transsekt eine in Google Earth erkennbare längliche Struktur (Abb. 2; Abb. 3). Von Meter 0 bis 4 m des Transsekts lässt sich ein abnehmender Gradient der Sedimentmächtigkeit vom Tiefenbereich vor dem Damm bis zur Dammkrone beobachten.

 

Diskussion

Der geringe Unterschied zwischen der Hangneigung des rezenten Meeresbodens von 2,7 % gegenüber der des Blautons von 2,9-5,2 % ließe sich durch einen Wellenbrecher als strandseitige Sedimentfalle erklären. Die mächtigste Schluffschicht aller Bohrlöcher lag lagunenseitig vor dem angenommenen Damm. Sie weist in Zusammenhang mit der erwähnten Hangneigungsdifferenz zwischen Blauton- und rezentem Niveau auf einen Sedimentierungsgradienten hin, der molluskenschalenreiches Sediment aus Richtung der Lagune herangeschafft hat.

Der heute submers gelegene, vermutete Wellenbrecher hat mutmaßlich auch zu Anfang des 4. Jh. v. Chr. unter Wasser gelegen. Immerhin sprechen Sedimentmächtigkeit und die vergleichbare Stratigraphie der nahen Grabung dafür, da sie einen Zeitrahmen zwischen Ende des 5. bis Anfang des 4. Jh. v. Chr. nahelegen. Es ist ebenso vorstellbar, dass der angenommene Damm als Substruktion für einen höheren Wellenbrecher diente. In diesem Fall wären jedoch die Steine des Aufgehenden verschwunden, die seine Krone bedeckt haben könnten.

Die Positionierung von Quaderblöcken war für antike Taucher in Wassertiefen von mehr als einigen Metern schwierig. Daher wurde als Technik die der Bruchsteinaufschüttung oder die Caisson-Technik angewendet. Die Schutthaufen wurden vermutlich aus mehr oder weniger nach Gewicht sortierten Steinen angelegt. Dabei bildeten größere Steine eine Armierungsschicht gegenüber Wellenangriffen, während der Kern aus kleineren Steinen bestand. In geschützten Bereichen, wie sie in der Lagune herrschen, genügten kleinere Steine. Die Seeseite von Wellenbrechern findet sich heute meist stärker unter dem Meereswasserspiegel abgesenkt als die Landseite. Diese Beschreibung von „rubble mound breakwaters“ (Arthur de Graauw, 2024) könnte auf den angenommenen Befund zutreffen. Gleiches könnte auch für die abgerundete, zangenartige Einfahrt anzunehmen sein, die wie die beprobte Steinpackung unter dem Bohrtranssekt bei C5 rezent festgestellt werden konnte. Aufgrund der vermutlich inzwischen teilweise verstürzten oder abgetragenenen Steinpackung dürfte der angenommene Damm in der Antike höher und die Einfahrt um ca. 2-3 m breiter gewesen sein, sodass sie vermutlich auch für breitere Schiffe mit einem Tiefgang von 1 m ausgereicht hätte.

Dazu schreibt Lena in seinem Bericht, dass das Kothon-Gebiet von großem Interesse sei, da in archaischer Zeit Hafenstrukturen vorhanden gewesen seien, die den Zugang von Booten ermöglicht hätten. Aufgrund entsprechender Vermutungen aus der Literatur wurden 2015 auf Anweisung der wissenschaftlichen Leiter der Soprintendenza del Mare Untersuchungen vor dem Südtor durchgeführt. Die morphobathymetrische Analyse, die Kontrolle der Echolotmessungen verbunden mit den Videobildern, ermöglichte die Identifizierung der vor dem Hafengebiet entdeckten Felsstrukturen, die durch Felsmassen gekennzeichnet und offenbar in Wellenbrecher-„Barren“, d.h. in parallel zum Ufer verlaufenden länglichen Gesteinsrücken organisiert seien. Davor wurde ein klarer Einschnitt in den kalkhaltigen Ablagerungen, die das Rückgrat der Insel bilden und deren Abtrag festgestellt, was auf die Existenz eines Schifffahrtskanals vor den Hafenbereichen der Insel hindeuten könnte, der mit den bereits bekannten archaischen „Molen“ kompatibel sei. Vorne seien Navigationskanäle identifiziert worden, die in den felsigen Untergrund gehauen und entfernt worden seien, um die Navigationstiefe von 50 cm auf 1,2 m zu vertiefen (Lena 2015).

Da die Steine im Untergrund der Flanken des Damms auf der Schicht aus Blauton lagern (Abb. 3), kann ihre Positionierung in historischer Zeit angenommen werden. Auch die Störungen im Untergrund wie das Fehlen von Kalkkonkretionen und Orangefärbung des Blautons lassen jüngere Eingriffe vermuten. Die Erhebung des Damms über das umliegende Niveau, seine trichterförmige Struktur, die gleiche Länge beider Flügel und die spiegelbildliche Symmetrie weisen eher auf anthropogenen als natürlichen Ursprung hin.

 

Abschließend könnte es sich also um ein System von Wellenbrechern an der Südseite handeln, welche eventuell antiken Ursprungs sind. Diese Arbeitshypothese kann nur durch zukünftige stratigraphische Sondagen vor Ort und mit einer Ausgrabung nach natürlichen Schichten auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden.

 

Detlef Peukert, Ansgar Bovet, Christin Gabriele Faust, Jochen Hägele, Ralph Kunz, Marlene Schmucker, Roberto La Rocca, Salvo Emma, Ferdinando Maurici, Pamela Toti, Francesca Olivieri