Die Küstengewässer um Rovinj sind bereits seit vielen Jahren Gegenstand intensiver unterwasserarchäologischer Untersuchungen unter Beteiligung der Bayerischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie (BGfU). Bereits 2010 begann das International Centre for Underwater Archaeology in Zadar (ICUA) gemeinsam mit der BGfU, die römische Mole im antiken Hafen von Veštar in einem mehrjährigen Projekt zu erforschen. Die enge Zusammenarbeit setzte sich in dem seit 2014 laufenden Kooperationsprojekt „The Shipwrecks of Rovinj“ fort. Ziel des langfristig angelegten Projekts ist die umfassende Erforschung der maritimen Kulturlandschaft und des antiken Seehandels um Rovinj – einer der bedeutendsten historischen Hafenstädte der Ostadria.
Auch 2024 wurde das Kooperationsprojekt mit einer Kampagne vom 7. bis 11. Oktober in den Gewässern vor Rovinj fortgesetzt. Die BGfU war in diesem Jahr durch Projektleiter Michael Heinzlmeier sowie Philipp Tanzer vertreten. Seitens des ICUA nahmen der Leiter und Initiator des Projekts, Luka Bekić, sein Stellvertreter Roko Surić sowie die Unterwasserarchäologen Maja Kaleb und Šime Vrkić an den Untersuchungen teil. Das Forschungsteam wurde vor Ort vom Rovinj-sub Diving Center logistisch und technisch unterstützt.
Der Schwerpunkt der diesjährigen Kampagne lag auf der erstmaligen Dokumentation eines bislang unbekannten römischen Schiffswracks mit großteils erhaltener Amphorenladung sowie der Fortführung systematischer Prospektionen entlang der Westküste Istriens mit dem Fokus auf neuzeitlichen Ballasthaufen. Beide Themenkomplexe liefern wertvolle Beiträge zur Erforschung der maritimen Handels- und Nutzungsgeschichte des adriatischen Küstenraumes.
Neufund eines römischen Schiffswracks südlich von Rovinj
Ein neuer außergewöhnlicher Fundort wurde bereits im Frühjahr 2024 bekannt, als Roberto Cafolla, der Inhaber der Tauchbasis Rovinj-sub Diving Center, den ICUA-Archäologen von der Entdeckung eines Wracks südöstlich der kleinen Felseninsel „Porer“ berichtete. Seinen Erzählungen zufolge hatten Fischer an dieser Stelle Amphorenbruchstücke in ihren Netzen an die Oberfläche befördert. Bald darauf habe sich die Nachricht verbreitet und erste Plünderungsaktivitäten setzten ein. Ziel der Oktoberkampagne war es daher, die Fundstelle möglichst rasch zu dokumentieren und den Erhaltungszustand zu bewerten, um die Voraussetzungen für eine Registrierung als nationales Kulturgut der Republik Kroatien zu schaffen. Hierdurch erlangt das Schiffswrack einen rechtlichen Schutzstatus, auf dessen Grundlage gegen illegale Plünderungen entschiedener vorgegangen werden kann.
Das Wrack befindet sich rund 10 km südlich von Rovinj im offenen Meer auf Höhe des heutigen Barbariga-Strandes und liegt in einer Tiefe von etwa 34 m. Trotz eingeschränkter Sichtverhältnisse und widriger Wetterbedingungen konnte die Fundstelle schließlich mehrfach betaucht und photogrammetrisch dokumentiert werden. Im Rahmen der Erstbetauchung wurde auf dem sandigen Meeresboden eine Ansammlung von rund 30 verstreut liegenden Amphoren festgestellt, die sich über eine Fläche von etwa 12 × 5 m erstreckt. Im Zentrum der Fundstelle fanden sich an mehreren Stellen Reste eines zusammengebackenen, kalkhaltigen Konglomerats, aus dem Teile von Amphoren herausragten. Diese natürlich entstandene Kalkschicht hat die oberflächlich liegenden Amphoren bislang geschützt.
Der Bericht von Cafolla deutet darauf hin, dass ein Fischereischleppnetz die schützende Kalkschicht offenbar beschädigt und die darin enthaltenen Amphoren verstreut hat. Vermutlich setzten Plünderer kurz darauf die Zerstörungen am Wrackfundort fort. Ein Hinweis darauf ist eine lange Eisenstange, die neben den Grabungsstellen auf dem Meeresboden gefunden wurde. Mit ihrer Hilfe brachen die Plünderer mutmaßlich die Kalkschicht weiter auf, um an die darunter liegenden Amphoren oder deren Fragmente zu gelangen. Dies belegen zwei frisch ausgegrabene Hohlräume an den Stellen mit der höchsten Funddichte. Ein weiterer Hinweis auf Plünderungen sind zahlreiche Amphoren, deren Bauch und Fuß noch im Sand eingebettet waren, während Amphorenhals und Henkel fehlten. Das Abschlagen der oberen Amphorensegmente ist laut Bekić ein typisches Vorgehen von Raubgräbern, um eine leichtere und schnellere Bergung sowie einen einfacheren Abtransport der Beute zu ermöglichen. Die genaue Anzahl der entwendeten Fundstücke lässt sich bislang nicht bestimmen. Bekić vermutet, dass einige Dutzend vollständiger Amphoren sowie zahlreiche obere Hälse mit Henkeln bereits verloren gegangen sind.
Die gefundenen Amphoren lassen sich überwiegend den Typen Lamboglia II und Dressel 6A zuordnen, die in die zweite Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. bis zum frühen 1. Jahrhundert n. Chr. datieren. Diese Kombination spricht für ein römisches Handelsschiff, das vermutlich Wein oder Öl aus Norditalien bzw. der oberen Adria transportierte.
Nähere Untersuchungen der von Plünderern angelegten Hohlräume lieferten Hinweise darauf, dass sich tief im Sand unter der schützenden Kalkschicht möglicherweise eine weitere, unversehrte Reihe sorgfältig aneinandergereihter Amphoren in situ befindet. Luka Bekić vermutet zudem, dass auch Teile der hölzernen Schiffskonstruktion im Sediment erhalten geblieben sein könnten. Gut erhaltene römische Schiffswracks dieser Zeitstellung sind im Mittelmeerraum äußerst selten, weshalb dem Fund eine herausragende wissenschaftliche Bedeutung zukommt.
Der Schutz und die langfristige Überwachung der Fundstelle durch das kroatische Kulturministerium und das ICUA sind daher von zentraler Bedeutung. Einen ersten wichtigen Schritt stellte die im Rahmen der Kampagne durchgeführte photogrammetrische Dokumentation des Befundes dar. Auf dieser Grundlage wurde ein Lageplan erstellt, der sämtliche auf dem Meeresboden sichtbaren Amphoren erfasst und es ermöglicht, zukünftige Plünderungen oder andere Zerstörungen frühzeitig zu erkennen. So können bei Bedarf rasch geeignete Schutzmaßnahmen für den Fundort – etwa die Errichtung eines Schutzkäfigs – ergriffen werden. Eine spätere systematische Ausgrabung könnte darüber hinaus wichtige Erkenntnisse zur römischen Schifffahrt sowie zur Warenzirkulation entlang der istrischen Küste liefern.
Voruntersuchung des bekannten römischen Schiffswracks von „Sveti Ivan“
Neben dem Neufund wurde auch eine bereits bekannte, stark geplünderte spätantike Wrackfundstelle an der Nordwestflanke der Insel Sveti Ivan erneut aufgesucht und dokumentiert. Die dort zwischen den Felsen entdeckten Amphorenfragmente lassen sich typologisch in das 5. bis 6. Jahrhundert n. Chr. datieren und gehören dem afrikanischen Typ Keay 62 an, der aus den römischen Provinzen Zeugitana oder Byzacena (heutiges Tunesien) stammt. Im Rahmen der fortgesetzten Kooperation zwischen dem ICUA und der BGfU ist für Oktober 2025 eine systematische Untersuchung und Ausgrabung dieser Fundstelle als Gemeinschaftsprojekt geplant. Ziel ist es, die Fundstelle umfassend zu dokumentieren und ihre historische Einordnung auf Grundlage der Funde weiter zu präzisieren.
Neuzeitliche Ballasthaufen an der Westküste Istriens
Ein weiterer Schwerpunkt der Kampagne 2024 lag in der Erforschung neuzeitlicher Ballasthaufen entlang der istrischen Westküste, einem Themenfeld, das im Rahmen der Dissertation von Roko Surić intensiv untersucht wird. Ballasthaufen stellen eine bislang wenig beachtete, zugleich jedoch äußerst aufschlussreiche Fundstellengattung dar. Sie entstanden durch das Abwerfen von losem Schiffsballast, bevor ein Schiff am Zielort neue Fracht aufnahm – eine in der frühen Neuzeit weit verbreitete Praxis. Solche Fundstellen bestehen häufig aus Ziegelsteinen, Dachziegeln, Keramik- und Glasfragmenten, Metallteilen sowie organischem Material. Es wird angenommen, dass viele dieser Ballastmassen aus urbanem Abfall stammen, der in den Herkunftshäfen gesammelt und zur Stabilisierung der Schiffe verwendet wurde. Die wissenschaftliche Untersuchung dieser Fundkategorie ermöglicht wichtige Rückschlüsse auf Handelsverbindungen, Herkunftsorte sowie Hafen- und Umschlagstrukturen des 15. bis 17. Jh. n. Chr.
Im Rahmen der diesjährigen Prospektionen wurden mehrere Buchten systematisch auf das Vorkommen von Ballasthaufen untersucht. In der Bucht Sveti Jakov (Kolone), etwa 10 km südlich von Rovinj, entdeckte das Team eine massive Steinansammlung mit einer Vielzahl neuzeitlicher Artefakte, darunter Ziegel, Dachziegel sowie Keramikfragmente. Der Steinhaufen erstreckt sich über eine Fläche von mehr als 100 m² und fällt bis in eine Tiefe von etwa 1,7 m ab. Die Funktion dieser Struktur ist bislang unklar; möglicherweise handelte es sich um eine Anlegestelle für Handelsschiffe. Darüber hinaus wurden im gesamten Ostteil der Bucht zahlreiche weitere neuzeitliche Artefakte aufgefunden. Nahezu kein Bereich des Meeresbodens war dort fundfrei. Roko Surić interpretiert zumindest jene Bereiche mit haufenartig erhöhter Fundkonzentration als abgeworfenen Schiffsballast. Ob sämtliche Funde ausschließlich auf diese Weise – oder teilweise auch vom Ufer aus – in die Bucht gelangten, bleibt nach Surić jedoch offen. Die geborgenen Fundobjekte datieren überwiegend in den Zeitraum vom 15. bis zum 17. Jahrhundert.
In der Bucht Kagula bei Vrsar wurde auf Grundlage externer Hinweise auf Ballasthaufen ebenfalls ein Tauchsurvey durchgeführt. Ausgangspunkt der Arbeiten war der Tauchclub RC Triton in Vrsar. Trotz erneut eingeschränkter Sichtverhältnisse konnten zunächst vier isolierte Ballasthaufen identifiziert werden, die überwiegend aus zerbrochenen Ziegeln, Dachziegeln sowie vereinzelten Keramikscherben bestanden. Die sichtbar erfassbaren Ausmaße betrugen jeweils etwa 2 × 2 m, wobei davon auszugehen ist, dass die Strukturen unter dem Sediment eine größere Ausdehnung aufweisen. Im Zuge weiterer Prospektionen in der Bucht wurde südöstlich der Insel Cavata zudem ein großflächiges Ballastfeld entdeckt. Dieses setzt sich aus Ziegeln, Dachziegeln, Putzresten, Keramikscherben, Glasfragmenten, Knochen sowie weiterem kleinteiligem Schutt zusammen. Das Ballastfeld misst rund 120 × 30 m und umfasst damit eine Fläche von über 3.500 m². Am nördlichen Rand des Areals fand das Team drei keramische Dreifußstützen (Ofenstützen), wie sie in Töpferwerkstätten zur Herstellung glasierter Keramik verwendet wurden, sowie zwei deformierte Fehlbrände. Solche Töpfereiabfälle aus Werkstattkontexten sind laut Surić in Ballasthaufen – insbesondere in den Gewässern um Istrien – keine Seltenheit und stellen daher ein starkes Indiz dafür dar, dass diese Materialien als Bestandteil des Schiffsballasts ins Meer gelangten. Obwohl nicht das gesamte Areal detailliert untersucht werden konnte, geben die geborgenen Keramikscherben, Glasfragmente und Ziegel erste Hinweise auf die Entstehung des Schuttfeldes. Die Funde datieren grob in den Zeitraum vom 15. bis in das späte 16. oder sehr frühe 17. Jahrhundert – basierend vor allem auf der von Surić durchgeführten Keramikanalyse. Aus seiner Sicht fehlen interessanterweise Funde aus der zweiten Hälfte des 17. und aus dem 18. Jh., was auf eine Entstehung des Ballastfeldes vorwiegend in der ersten Hälfte des 17. Jh. hindeutet. Die Datierung und das sehr hohe Fundaufkommen legen nahe, dass die Bucht zu dieser Zeit offenbar ein wichtiger Umschlagplatz für den regionalen und überregionalen Seehandel gewesen ist.
Bei weiteren Prospektionen in der Bucht Pulari, etwa 3,5 km südöstlich von Rovinj, konnten fünf isolierte Ballasthaufen (ca. 5 × 3 m) mit Keramikfragmenten und Ziegeln festgestellt werden. Zusammensetzung und Fundlage sprechen auch hier für eine Datierung in die frühe Neuzeit.
Alle im Rahmen der Kampagne neu identifizierten Fundstellen wurden von Roko Surić georeferenziert sowie fotografisch und kartographisch dokumentiert. Diese Datengrundlage bildet die Basis für eine künftig geplante systematische Kartierung aller bekannten Ballasthaufen entlang der istrischen und dalmatinischen Küste. Ziel seiner Dissertation ist es, die räumliche und zeitliche Verteilung dieses spezifischen Befundtyps zu erfassen und daraus Rückschlüsse auf Handelsrouten sowie maritime Wirtschaftsstrukturen zu gewinnen.
Weitere Prospektionstauchgänge
Ergänzend zu den Wrackuntersuchungen und der Erforschung der Ballasthaufen wurden die Prospektionen entlang der Westküste Istriens fortgesetzt. In diesem Zusammenhang wurden auch die Buchten Žunac und Štinjanska Draga nahe Pula untersucht. In der Bucht Žunac fanden sich einige antike römische Artefakte, die möglicherweise im Zuge des Baus der Festung Valmaggiore während der österreichisch-ungarischen Monarchie in den Jahren 1884 bis 1886 sekundär in die Bucht verbracht wurden. Neuzeitliche Funde konnten dort hingegen nicht festgestellt werden. In der Štinjanska Draga wurden keine archäologischen Befunde nachgewiesen. Ein erfolgreicher Tauchgang fand dagegen westlich der Insel Sveta Katarina statt, wo in früheren Kampagnen bereits zahlreiche neuzeitliche Funde – darunter insbesondere Tonpfeifen – entdeckt worden waren. Die dort geborgenen Fundobjekte datieren überwiegend in das 19. und frühe 20. Jh. und deuten auf eine ehemalige städtische Müllkippe hin, auf der Abfälle der Stadt Rovinj „außer Sichtweite“ hinter der Insel ins Meer verbracht wurden. In der näheren Umgebung der Insel konnten zudem weitere Ballasthaufen mit Fundmaterial aus dem 16. und 17. Jh. identifiziert werden, was auf eine längerfristige Nutzung des Areals als Anker- und Ballastabwurfstelle schließen lässt.
Die unterwasserarchäologischen Arbeiten der Kampagne 2024 haben das Wissen über die maritime Kulturlandschaft um Rovinj erneut wesentlich erweitert. Mit dem Fund eines nahezu unberührten römischen Wracks und der Dokumentation zahlreicher neuzeitlicher Ballasthaufen konnte wieder ein bedeutender Beitrag zum Verständnis des antiken und frühneuzeitlichen Seehandels im nördlichen Adriaraum geleistet werden. Das römische Wrack mit seiner weitgehend erhaltenen Amphorenladung bietet außergewöhnliches Potenzial für zukünftige Forschungen und vermittelt zugleich eindrucksvoll die Notwendigkeit eines konsequenten Schutzes des Kulturerbes. Die Fortführung des Projekts The Shipwrecks of Rovinj ist damit nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht von Bedeutung, sondern trägt auch entscheidend zum Schutz und zur Bewahrung des kulturellen Erbes unter Wasser bei.
Michael Heinzlmeier, Philipp Tanzer
