Monitoring im UNESCO-Welterbe Roseninsel im Starnberger See – Ergebnisse und Aufgaben 2024

An der Roseninsel im Starnberger See prallen zwei Welten aufeinander: Auf der einen Seite das Bedürfnis nach einer extrem touristisch genutzten Fläche im Naherholungsbereich der Stadt München und auf der anderen Seite die Belange und Befürchtungen des Denkmal- und Naturschutzes. Seit 2011 und als einzige Seeuferrandsiedlung in Bayern überhaupt sind die vorgeschichtlichen Siedlungsbefunde im Flachwasser der Insel Teil des UNESCO-Welterbes. Mehrere Hinweisschilder und -bojen appellieren an Boote und Wassersportler, den sensiblen Uferbereich um die Insel nicht zu betreten und zu befahren.

Im Jahr 2014 wurden zu Vermessungszwecken sowie vor allem zur Detektion von Sedimentabtrag oder -auftrag insgesamt 174 Erosionsmarker im befundreichen Flachwasserareal der Insel eingebracht. Diese wurden in 25 m Abstand zueinander rasterartig angelegt und decken heute eine Fläche von etwa 13 Hektar in der Welterbe-Kernzone ab. Ursprünglich auf eine Höhe von exakt fünf Zentimetern über dem Seeboden eingeschlagen, deuten höhere Ablesewerte auf Erosionsprozesse und auf eine mögliche Gefährdung der archäologischen Substanz hin, während solche mit einer geringeren Ablesehöhe auf eine zunehmende Sedimentation und somit auf einen wünschenswerten, natürlichen Schutz hinweisen. Die Ablesungen fanden seitdem abgesehen von 2022 jährlich in den Monaten März bis April statt. Seit 2023 werden die Monitoringarbeiten zudem durch Makrophyten-Kartierungen sowie durch zweizeitige Drohnenbefliegungen und Luftbildaufnahmen im April und August / September ergänzt. Im vergangenen Jahr (2023) hatten sich erfreulicherweise erstmals ein Netto-Sedimentzuwachs und auch eine zunehmende Überdeckung der archäologisch bedrohten Befundsubstanz mit Makrophyten gezeigt (Pflederer 2024). Gleichwohl war aber an besonders exponierten Stellen wie der Nordostspitze der Insel mit ihren eisenzeitlichen Baubefunden immer noch eine fortschreitende Freilegung archäologischer Substanz festzustellen.

Im Auftrag des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege (BLfD) wurden die taucharchäologischen Monitoringarbeiten auch 2024 an insgesamt vier Tagen im März bzw. April fortgeführt. Von Seiten der Bayerischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie (BGfU) waren beteiligt: Tobias Pflederer, Marcus Thier, Gerd Knepel, Franziska Domen, Frank Lehnich, Axel Sabisch, Ralph Kunz, Louis Wenzel, Philipp Tanzer und Hubert Beer (Abb. 1 und 2). Die Drohnenflüge im April und September 2024 führten erneut Ursula Scharafin-Hölzl und Mario Hölzl (Firma X-Cavate Archaeology) durch (Abb. 3). Die gewonnenen Luftbilder wurden nach den Befliegungen durch die BGfU-Mitglieder Max Fiederling und Franziska Domen digital aufbereitet, ausgewertet und in ein zentrales GIS-System übertragen.

Ergebnisse der Monitoringarbeiten 2024

Fasst man die Ablesungen an allen Erosionsmarkern zusammen, besteht seit der Einbringung der Marker vor zehn Jahren (im Jahr 2014) ein relativ milder, jedoch nachweislicher, gemittelter Sedimentabtrag von 1,5 cm. Im Vergleich zum Vorjahr, dem Jahr 2023, zeigte sich ein gemittelter Netto-Sediment-Abtrag von 0,3 cm mit einem maximalen Sedimentzuwachs von sieben und einem maximalen Sedimentverlust von acht Zentimetern pro Marker. Wichtig ist hierbei zu betonen, dass Makrophyten viele der Erosionsmarker westlich und östlich der Insel überdecken und die Höhe dieser überwachsenen Marker nicht bestimmt werden konnte. Die Angaben zu Sedimentzuwachs und -abtrag beziehen sich in den aktuellen Ablesungen daher nur auf 110 (anstelle der 174 ursprünglich gesetzten) Markern (Abb. 4). Betrachtet man die Gesamtfläche der Welterbe-Kernzone, fallen im Vergleich zum Vorjahr wiederum kleinflächige Unterschiede in der Erosion bzw. im Sedimentzuwachs auf. Der stärkste Sedimentabtrag fand erneut vor der exponierten Nordostspitze sowie vor dem Süd- und dem Südwestufer statt (Abb. 5). Aber auch in den insel-ferneren Arealen (im Westen und Osten) war ein Nettoverlust an Sediment festzustellen. Im Vergleich zu 2014 hält der gemittelte Verlust von Sediment in den unmittelbar ufernahen Bereichen rund um die Insel an (Abb. 6) abgesehen von den Bereichen vor dem Nordufer. Die Erosionszonen schließen in dieser Zehn-Jahres-Betrachtung auch erneut die archäologisch neuralgischen Bereiche vor der Nordostspitze der Roseninsel sowie Areale vor dem West-, Süd- und Ostufer ein. Mit zunehmender Distanz zur Insel fand in den vergangenen zehn Jahren aber eher ein Sedimentauftrag statt. Diese Bereiche decken sich mit dem aktuellen Makrophyten-Bewuchs, der zu einem besseren Schutz der archäologischen Schichten führen dürfte (u. a. durch Ausfällung von neuer Seekreide) wenngleich direkte Beobachtungen am Wurzelwerk der Makrophyten und deren Einfluss auf die darunterliegende archäologische Substanz bislang fehlen.

Die über die Drohnenbefliegungen gewonnenen Luftbilder lassen insbesondere die Ausdehnung der aktuellen Makrophyten-Abdeckung um die Insel erkennen (Abb. 7). Die Luftbilder sowie die graphischen Umzeichnungen zeigen, dass sich der Makrophyten-Bewuchs im Vergleich zum Vorjahr offensichtlich ausgebreitet hat (vor allem in nördlicher Richtung und geringfügig nach Westen und Osten). Die in den Luftbildern obertägig sichtbaren, liegenden und damit freigespülten Hölzer wurden erneut kartiert und visualisiert. Der Vergleich zum Vorjahr zeigt insgesamt mindestens 43 zusätzlich freiliegende Hölzer vor allem vor der Nordostspitze der Insel. Dies unterstreicht den Prozess einer fortschreitenden Erosion in diesem Bereich an bereits offenliegenden oder sich nahe an der Sedimentoberfläche befindlichen Befunde, die nicht von Makrophyten überdeckt werden.

Bewertung der Maßnahmen

Die Ablesung der Erosionsmarker zeigte im Vergleich zu 2023 ein heterogenes Bild bestehend aus Sedimentauftrag und -abtrag (Abb. 5). Wie in den Vorjahren sind erneut besonders neuralgische Bereiche von Erosionsprozessen betroffen, etwa vor der Nordostspitze und dem Westufer der Insel. Dass hier mit Sedimentverlust zu rechnen ist, zeigen auch die im Luftbild neu entdeckten liegenden Hölzer an sowie die Beobachtungen an den Konstruktionshölzern selbst (Abb. 8). Positiv anzumerken bleibt, dass sich die Makrophyten-Ausdehnung im Vergleich zum Vorjahr vergrößert hat. In den Gebieten mit Makrophyten-Abdeckung scheint es seit 2014 nachweislich zu einem Nettogewinn an Sediment zu kommen (Abb. 6).

Wichtige Maßnahmen zur Dokumentation der offenliegenden archäologischen Substanz wurden mittlerweile eingeleitet und umgesetzt. Durch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), einem Partner des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege (BLfD) im Projekt TRIQUETRA (Gschwind et al. 2024), wurden seit 2022 extrem hochauflösende Orthofotografien und 3D-Rekonstruktionen von besonders exponierten Befundstellen unter Wasser angefertigt (Abb. 9). Sie gestatten eine zentimetergenaue Vermessung der Befunde sowie eine detaillierte Visualisierung. Abgesehen davon und von dem EU-Projekt TRIQUETRA, das sich vorrangig mit dem Einfluss von Klimaveränderungen auf Kulturgüter befasst, erfolgten an der Roseninsel auch Untersuchungen zu schädigenden Auswirkungen der Freizeitschifffahrt und dem von diesen Booten ausgelösten Wellengang. Das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt geförderte Projekt SuBoLakes (Sustainable Boating on Lakes in Germany) verglich an der Roseninsel den Einfluss von Wind- und Schiffswellen. Die Studien zeigten, dass sowohl die Freizeitschifffahrt als auch die Fährschiffe eine zusätzliche Belastung für die ufernahen Bereiche darstellen. Zudem konnte festgestellt werden, dass die schädigenden Effekte mit abnehmender Wassertiefe, also bei niedrigem Wasserpegel oder in den sehr flachen Uferbereichen, zunehmen (Gschwind et al. 2024).

Weitere potenzielle Gefahren für das Welterbe im Bereich der Roseninsel stellen nach wie vor der touristische Publikumsverkehr sowie insbesondere Wassersportler dar, die die aufgestellten Hinweisschilder und -bojen nicht beachten (Abb. 10). Aufklärungsmaßnahmen haben aber insgesamt zu einem deutlichen Rückgang der Freizeitaktivitäten in der Welterbe-Kernzone im Vergleich zu den Vorjahren geführt.

In den Jahren 2016 und 2017 wurden rund um die Insel neben Hinweisschildern auch insgesamt vier rote Bojen zur Sichtbarmachung der Welterbe-Kernzone installiert. Über die Jahre hinweg zeigen die Aufhänge-Systeme und Ketten der Bojen einen gewissen Verschleiß. Zudem musste an einigen Bojen nach wie vor ein gewisses Schwojen durch die Bojenkette festgestellt werden. Aufgrund dessen wurde durch Robert Angermayr (BGfU) im Oktober 2024 testweise an einer Boje ein neues System zur Verkürzung der Bojenkette installiert, das gleichzeitig einen reibungsfreieren Ablauf der Bojenkette garantieren soll (Abb. 11). Das System besteht aus einer Umlenkrolle mit Gehäuse aus Edelstahl und einer Rolle aus Hartgewebe, einem Stopper aus Gummi, einem Betongewicht sowie einem Schäkel zur Befestigung der Umlenkrolle an der Boje und einem weiteren Schäkel um das Betongewicht an der Kette zu befestigen (Abb. 12). Das neue System wird in den nächsten Monaten regelmäßig kontrolliert und soll ggf. an den übrigen drei Bojen ebenfalls implementiert werden. 

 

 

Tobias Pflederer, Robert Angermayr, Franziska Domen, Hubert Beer