MYSTERIÖSE STEINHÜGEL IM BODENSEE TAUCHARCHÄOLOGISCHE – UNTERSUCHUNGEN AM UNTERWASSERHÜGEL NR. 24 BEI BAD SCHACHEN, STADT LINDAU

Ihre Interpretation wird kontrovers diskutiert: Wozu dienten sie? Und wer erschuf sie – die Unterwasserhügel des Bodensees? Mehr als 200 dieser Exemplare sind im Uferbereich des Sees bekannt. Sie wurden 2015 erstmals in Scandaten des Seenforschungsinstitutes Langenargen entdeckt und durch Untersuchungen an einem der Hügel von der Kantonsarchäologie Thurgau als anthropogen eingestuft. Datierungen an Hölzern machen die Errichtung zumindest einer der Hügel während des Neolithikums (37. bis 34. Jh. v. Chr.) wahrscheinlich (Leuzinger et al. 2021). Die meisten – ca. 70 Stück – befinden sich vor dem schweizerischen Festland zwischen Romanshorn und Altnau und sind dort in einer Wassertiefe von drei bis fünf Metern nahezu „perlschnurartig“

aneinandergereiht. Die Konzentration der Hügel vor dem bayerischen Nordufer ist deutlich geringer ausgeprägt – vermutet werden ca. 25 Stück zwischen Wasserburg und Lindau. Während die schweizerischen „Hügeli“ ein bis zwei Meter aus dem umgebenden Sediment herausragen, sind die bayerischen Exemplare etwas näher am Ufer lokalisiert und deutlich flacher. Sie überragen den Seegrund gerade mal um 20-30 cm. Relativ identisch ist das Höhenniveau, auf dem sich die Hügel sowohl am Nord- als auch Südufer befinden: in etwa zwischen 390,8 und 392,7 m ü NN. Bei einem anzunehmenden minimalen Wasserpegel des Sees von 393 m ü NN dürften sich die Steinschüttungen daher zu jeder Zeit unter Wasser oder – bei saisonalen Schwankungen – allenfalls knapp oberhalb der Wasserlinie befunden haben.

 

Im vergangen Jahr 2021 wurden zwei der Hügel (Hügel Nr. 1 und Nr. 2) auf bayerischer Seite in der Nähe von Wasserburg genauer untersucht (Pflederer et al. 2022). Die 12x10 und 22x13 Meter messenden ovalen bis runden Steinschüttungen befinden sich mit ihren Hügelkuppen auf einem Niveau von 391,5 m ü NN (Hügel 1) bzw. von 392,6 m ü NN (Hügel 2) und damit – wie erwähnt – auf vergleichbaren Höhen wie die Erhebungen vor dem schweizerischen Südufer. Unter dem Wasserburger Hügel 1 wurden in einer Bohrtiefe von 2,4 bis 2,6 m und unter einem dicken Paket aus lakustrischem Sediment kleinere Holzpartikel angetroffen, die eine mesolithische Zeitstellung ergaben. Auch wenn die datierten Holzproben in keinem Zusammenhang mit der Steinschüttung von Hügel 1 stehen, so zeigen das lakustrische Sediment unter beiden Hügeln sowie das Holzmaterial weit unter Hügel 1, dass geologische Prozesse bei der Entstehung der obertägigen Steinhügel weitgehend auszuschließen sind und – wie bereits bei den schweizerischen Exemplaren – ein anthropogener Ursprung angenommen werden muss.

 

Mit finanzieller Unterstützung der Stelle Ehrenamt des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege wurden die Untersuchungen am „Hügelphänomen“ vor dem bayerischen Nordufer des Bodensees auch 2022 im Rahmen einer einwöchigen Kampagne im November fortgeführt (Abb. 1a & 1 b). Bewusst fokussierte man sich dabei auf eine von Wasserburg entfernt gelegenere „Mikroregion“ mit einer Ansammlung von 5 Hügeln (Nr. 21-25), die bereits in den Scandaten des Seenforschungsinstitutes Langenargen eine Beziehung zueinander vermuten lassen (Abb. 2). An einer einheitlichen Tiefenline orientiert scheinen sie die Bucht von Bad Schachen westlich der Insel Lindau gewissermaßen einzufassen.

 

Aufgrund von lokalen Strömungs- und Bewuchsverhältnissen mit reduzierter Sicht unter Wasser beschränkte man sich auf die Dokumentation von Hügel Nr. 24. Durch taucherische Anfertigung von insgesamt 851 überlappenden Aufsichtsfotographien wurde ein entzerrtes Orthobild erstellt, das anschließend über die eingebrachten Markierungen und Messpunkte georeferenziert wurde (Abb. 3). Zusätzlich erfolgten Sedimentbohrungen in diagonaler Richtung über die

Hügelkuppe von Nordwest nach Südost bis in eine maximale Sedimenttiefe von 200 cm (Abb. 4) sowie ein kleiner Aufschluss im Bereich eines liegenden und in die Steinlagen des Hügels eingebetteten Holzes.

 

Der Steinhügel 24 befindet sich in ca. 220 Metern Entfernung vom heutigen Ufer, präsentiert sich in der Aufsicht rund bis oval, weist eine Flächenausdehnung von 13 x 16 m auf und ist in Nordwest-Südost-Richtung an einer Tiefenlinie orientiert. Ähnlich wie bei den Exemplaren vor Wasserburg ragt der Steinhügel nur um wenige Zentimeter (ca. 20 cm) aus dem umgebenden Seesediment. Die Kuppe des Hügels befindet sich auf 392,7 m ü NN. Die Steine des Hügels dürften größtenteils als Molassesteine anzusprechen sein. Vereinzelt finden sich aber auch andere Gesteinsarten, wie z. B. Schiefergestein. Sie sind unbearbeitet, weisen einen Durchmesser von 10 bis 30 Zentimetern auf und folgen in der Steinanhäufung unter Wasser keiner zielgerichteten Anordnung. Auf dem Hügel und auch in den umgebenden Randbereichen sind lediglich unbearbeitete liegende Hölzer als Schwemmmaterial anzutreffen. Insgesamt ergaben die Suchtauchgänge keine Einzelfunde und keine obertägig sichtbaren Einbauten oder Strukturen, wie z. B. Pfahlstellungen oder Holzkonstruktionen.

Die Sedimentbohrungen zeigten unter der maximal 30 Zentimeter mächtigen Steinlage eine grau und mit Molluskenbruch durchsetzte, maximal 13 Zentimeter dicke Sandschicht, an die sich in allen Bohrkernen eine homogene und grau-blaue tonige Lage anschloss. In den Bohrkernen auf der Hügelkuppe konnten interessanterweise in allen drei Proben eine bis zu vier Zentimeter dicke Holzschicht über der tonigen Lage festgestellt werden (Abb. 4 & 5). Die Holzproben aus allen drei Bohrkernen wurden zur 14C-Analyse asserviert und an das Curt-Engelhorn-Zentrum (Mannheim) zur Datierung gesandt und dürften eine grobe zeitliche Einordnung des Hügels 24 ermöglichen (termini post quos), nachdem sie direkt unter der Steinlage und der dünnen Sandschicht angetroffen wurden.

 

Zusammengefasst lieferte auch Hügel 24 Hinweise auf einen menschengemachten, anthropogenen Ursprung. Nachdem das Holzmaterial direkt unter der Hügelkuppe angetroffen wurde, scheint es auch unwahrscheinlich, dass Rutschungen oder Verrollungen der Steine zu einem Überdecken von eingeschwemmten Hölzern geführt haben. Mit derartigen Prozessen hätte man eher in den Randbereichen bzw. an kuppenfernen Lagen rechnen müssen. Momentan steht die sedimentologische Analyse der untersten, tonigen Schicht noch aus. Vereinzelt kleinst-fragmentierter Muschelbruch und

kleinste Holzstückchen in Bohrkern 9 könnten darauf hindeuten, dass diese Schicht nicht als glaziale Tonschicht, sondern eher als lakustrisches und verdichtetes Sediment anzusprechen ist. Auch dies wäre ein weiteres Indiz für einen menschengemachten Steinhügel über einem abgelagerten

Seesediment.

Doch wie lassen sich die steinernen Unterwasserhügel, das sogenannte Stonehenge des Bodensees interpretieren? Eine Antwort fällt nicht leicht. Von den Schweizer Kollegen wurden viele Möglichkeiten der Interpretation detailliert diskutiert (Leuzinger et al. 2021). Dennoch ist der Beweis für eine spezifische Verwendungsweise der „Unterwasserhügel“ nicht erbracht. Mauerwerk oder massive bzw. tragende Holzkonstruktionen für aufgehende Bauten zeigen sich bislang nicht. Gegen die Interpretation als künstlich aufgeschüttete Siedlungshügel – vergleichbar mit den neolithischen Crannogs Großbritanniens – oder als residuale Schichten von prähistorischen Siedlungsstellen (Speck 1981) spricht das bislang fast vollständige Fehlen von Siedlungszeigern (z. B.

Knochen oder Keramik). Hügel aus Ballaststeinen von Schiffen, wie sie beispielsweise vor antiken Häfen anzutreffen sind (Boyce et al. 2009), dürften ebenfalls ausscheiden, nachdem am Bodensee – zumindest im Mittelalter – fast ausschließlich flachbodige Schiffe eingesetzt wurden, für die Ballaststeine

nicht notwendig waren. Dagegen spricht auch die große Zahl an Hügeln mit einer Gesamtmasse von ca. 60 Millionen Geröllsteinen, die allein für die Errichtung der schweizerischen Exemplare verwendet wurden. Standen sie in Verbindung mit dem Fischfang? Steinschüttungen und eingebrachtes – nun

nicht mehr nachweisbares – Reisigmaterial können als Habitat für kleinere Fische und Jungfische dienen, die wiederum größere Raubfische anlocken und gefangen werden können. Im österreichischen Ossiacher See wurden derartige steinerne Laichplätze bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts verwendet

(Reinhard et al. 2020, 98). Im österreichischen Wörthersee sind Steinschüttungen als sog. „Wallerburgen“ beschrieben (Leuzinger et al. 2021, 115).

Doch warum gibt es dann eine derartig große Zahl? Sind sie überhaupt alle gleichzeitig entstanden? Gibt es vielleicht doch geologische Erklärungen für das „Stonehenge des Bodensees“?

Die unterwasserarchäologische Erforschung des Hügelphänomens am Bodensee steht noch sehr am Anfang. Wünschenswert wäre die Analyse einer größeren Hügelzahl und auch feinstratigraphische Grabungen einschließlich genauerer Sedimentanalysen.

 

Tobias Pflederer, Robert Angermayr, Gerd Knepel, Gerhard Schlauch, Franziska Domen