Kroatien, Velika Sestrica - Die Schiffswrack von Rovinj 2018

 Nachdem im Vorjahr die Erforschung des spätrömischen Wracks an der Insel Veliki Piruzi endgültig abgeschlossen werden konnte und deren Ergebnisse Ende Februar 2019 als Monographie vorliegen werden, begann vom 14. bis 20. Juni 2018 ein weiteres Folgeprojekt, das sich in die jahrzehntelange, erfolgreiche Kooperation zwischen bayerischen und kroatischen Unterwasserarchäologen einreiht. Das kroatisch-bayerische Team, bestehend aus den BGfU-Mitgliedern Max Fiederling, Michael Heinzlmeier und Marko Runjajic sowie den ICUA-Mitarbeitern Luka Bekić, Mladen Pesić, Roko Surić, Maja Kaleb und Borna Krstulović begannen mit der Erforschung eines weiteren Wracks im Umfeld der Stadt Rovinj. Erneut wurde das Team von der Tauchbasis „Old Diver“ und ihrem Besitzer Marko Srečec unterstützt, dessen Tauchboot als Basis an der Fundstelle genutzt wurde. Das Projekt befasst sich mit einem römischen Wrack vor der Westseite der Insel Velika Sestrica und gehört in das übergeordnete Rahmenprojekt „Die Schiffswracks von Rovinj“, dem auch schon das spätrömische Wrack an der Insel Veliki Piruzi zugeordnet ist. Die Untersuchungen finden mit finanzieller Unterstützung des Rovinj Tourist Board und des Kulturministeriums Kroatiens statt. Parallel zur unterwasserarchäologischen Forschung organisierten die Mitarbeiter des ICUA erneut einen Unterwasserarchäologiekurs im Rahmen des NAS-Programms sowie einen Unterwasserphotogrammetriekurs.

 

Zu Beginn der Kampagne wurde ein Offset-Messraster im Kernareal der Fundkonzentration an der Westküste der Insel angelegt, die sich entlang einer Basislinie orientierte. Die Fläche des gesamten Messrasters wurde mittels structure-from-motion-Technologie (SFM) dreidimensional aufgenommen. Damit war die Erstellung eines Orthophotos sowie eines Grabungsplans der gesamten Fläche möglich. Bei dem Wrack handelt es sich nach aktueller Einschätzung um ein Schiff, welches vermutlich im 2. Jh. n. Chr. an der heutigen Fundstelle havarierte und offensichtlich eine größere Ladung an Baumaterial an Bord hatte, sowie Amphoren – unter anderem vom Typ Forlimpopoli. Neben anderen Amphorentypen konnten besonders viele Fragmente dieses Typs dokumentiert und geborgen werden, wie auch einige Glasfragmente. Besonderes Augenmerk lag auf dem Baumaterial, das das havarierte Schiff transportiert hatte. Dieses hat sich in Form von zum Teil sehr großen Steinblöcken erhalten. An der Westseite der Insel befinden sich im Flachwasser mehrere, natürliche kanalartige Gräben. Vor allem in diesen konnten die Steinblöcke in einer Versturzlage angetroffen werden. Diese Gräben wurden während der Kampagne nahezu vollständig ergraben. Unter den in situ liegenden Bausteinen fanden sich weitere Bruchstücke aus der Amphorenladung. Abgesehen von den Gräben an der Küste und in vereinzelten Gruben barg auch eine geologisch ausgewaschene Höhle viel Fundmaterial. Die Steinladung des Wracks wurde abschließend nicht nur in den Gräben, sondern auch in der gesamten Fläche dokumentiert und technisch gezeichnet. Von einem der großen Gräben wurde darüber hinaus eine weitere dreidimensionale Ansicht erstellt, sodass die Versturzlage der Blöcke ohne das darüber und daneben liegende Schuttmaterial dokumentiert werden konnte.

 

Für das kommende Jahr ist eine Fortsetzung der spannenden Arbeiten geplant, nachdem in diesem Jahr bereits über 155 typologisch auswertbare Funde dokumentiert und geborgen werden konnten. Besonders erwähnenswert ist eine komplett erhaltene Öllampe, deren Bildfeld zwei Theatermasken zeigt. Höchstwahrscheinlich sind zwei der Steinblöcke als Halbfabrikate von trapezoiden Steinankern anzusprechen, welche bereits Vorbohrungen der Löcher zur Aufnahme der Seile und Stöcke zeigten. In der nächsten Kampagne werden die Grabungsarbeiten und die Dokumentation der Ladung des Schiffes fortgesetzt. Die exakte Ausdehnung des Fundareals soll ebenfalls ermittelt werden.

 

 

Max Fiederling