Prospektionsziel angesteuert: die Flussmündung des Carboj, ca. 11 Kilometer nach Westen auf dem Seeweg von Sciacca aus (Abb. 2).
Landseitige Prospektionen durch Alfano und Bonaviri (2016) hatten vor einigen Jahren in der Nähe der Flussmündung zur Entdeckung mehrerer Keramikscherben aus der römischen Kaiserzeit sowie zu hellenistischen Funden geführt. Diese konzentrierten sich vorwiegend an den Flussufern nahe der
Mündung und erstreckten sich bis zur heutigen Küstenlinie. Luftbilder des ufernahen Geländes ließen zudem kleinere Gebäude vermuten – womöglich Reste eines antiken Hafens? Der Fluss Carboj bietet sich auf jeden Fall als ehemalige Handels- und Kommunikationsroute an. Er verbindet die Südküste mit dem Hinterland auf einer Strecke von über 11 Kilometern bis zum Lago Arancio, einem im Jahr 1952 fertiggestellten Stausee. Denkbar ist, dass der lokale
Warenverkehr und auch der Fernhandel an der Mündung des Carboj einen Knotenpunkt vorfanden, an dem Waren ins Inland umgeschlagen werden konnten. Diesbezüglich zeigte auch die erwähnte Prospektion von Alfano und Bonaviri diverse Funde entlang des gesamten Flussverlaufes, die eine
Nutzung dieser aquatischen Wasserstraße über Jahrtausende, vom Jungpaläolithikum bis in das 11. Jahrhundert belegte.
Vor diesem Hintergrund erfolgten durch das BGfU-Team Untersuchungen mit dem Sidescan-Sonar sowie taucharchäologische Suchtauchgänge vor der Flussmündung, um mögliche Gebäude- oder Hafenreste sowie weiteres Fundmaterial zu detektieren und um somit mögliche Hinweise auf die ursprüngliche Funktion des archäologischen Fundplatzes liefern zu können. Die Prospektion des Küstenstreifens zu beiden Seiten der Carboj-Mündung ergab zunächst zahlreiches, meist nicht datierbares und verrolltes, Scherbenmaterial sowie Ziegelfragmente. Die höchste Fundkonzentration zeigt sich – wie bereits auch im oben erwähnten Landsurvey – am westlichen Flussufer des Carboj und westlich seiner Mündung. Mit zunehmender Entfernung vom Fluss dünnt das Fundmaterial zunehmend aus, während auf der Ostseite der Mündung nur wenig Keramikfragmente angetroffen werden (Abb. 3). Das wenige spezifischere Fundgut lässt sich zwar nicht exakt datieren, eine zeitliche Einordnung der Amphoren- und Gefäßfragmente in die römische Kaiser- oder spätantike Zeit scheint jedoch durchaus möglich (Abb. 4).
Schnorcheltauchgänge im unmittelbaren Flachwasser vor der Flussmündung führten darüber hinaus zur Entdeckung von insgesamt fünf Quadersteinen, von denen einige aus Konglomeratgestein / Nagelfluh und zumindest einer aus Kalkstein bestehen. Letztere wies mit seinem „klassischen“ Aussehen eine Größe von 110 x 50 cm auf (Abb. 5). Angrenzende Bauten oder Strukturen konnten in direkter Angrenzung zum Kalkblock nicht ausgemacht werden. Allerdings fand während der Prospektion kein größerer Bodeneingriff statt, sodass darunterliegende oder tiefgründigere Strukturen nicht mit letzter Sicherheit ausgeschlossen werden können. Nur kleinflächige Sondagen und unterwasserarchäologische Grabungen sowie Bohrprogramme können in Folgeprojekten an dieser Stelle mehr Klarheit schaffen. Die Sidescan-Fahrten ergaben mehrere „verdächtige“ Echos, die der Reihe nach von den Tauchern der BGfU betaucht und verifiziert wurden. Leider entpuppten sich sämtliche Signale als natürliche bzw. geologische Strukturen bzw. als rezent eingebrachtes Material (Abb. 6). In den ermittelten bathymetrischen Daten war zudem eine polygonale, ca. 170 x 180 Meter große Untiefe in ca. 580 Metern Entfernung zur heutigen Küste (Abb. 3). Leider ließ sich der geologische Untergrund an dieser Stelle aufgrund eines starken Bewuchses mit Seegras nicht verifizieren, so dass auch mögliche Bauten – der Carboj-Mündung vorgelagert – an dieser Stelle nicht auszuschließen sind.
Zusammengefasst erscheint es durchaus möglich, dass sich am Westufer der Carboj-Mündung eine kleine bis mittelgroße antike Einrichtung –möglicherweise mit einem zusätzlichen Hafen – befand. An dieser Stelle hätten Schiffe des Nah- und Fernhandels ihre Waren entladen können, bevor die Güter über die Wasserstraße des Carboj ins Landesinnere transferiert wurden. Denkbar ist auch ein Verkehrsweg in die umgekehrte Richtung und die Verschiffung von Waren beispielsweise von der sizilianischen Südküste bis nach Nordafrika. Die nordafrikanische Küste befindet sich gerade mal in 175 Kilometern Entfernung zur Carboj-Mündung. Zur Insel Pantelleria beträgt die Distanz lediglich 120 Kilometer.
Die Bedeutung des Platzes wird zusätzlich dadurch unterstrichen, dass die im Luftbild auszumachenden Gebäude- und möglichen Hafenreste an der Carboj-Mündung die einzigen antiken küstennahen Siedlungszeiger zwischen Sciacca im Osten und Selinunt im Westen sind (Alfano und Bonaviri 2016).
Ziel zukünftiger Kampagnen sollte eine Sondage sowie ein Bohrprogramm in Nähe zu den dokumentierten Steinquadern im Flachwasser sein. Auch geophysikalische Methoden könnten zur Entschlüsselung des Fundplatzes beitragen.
Tobias Pflederer, Marcus Thier, Axel Sabisch, Jochen Hägele, Fausto Marchetta, Antonina lo Porto, Francesca Oliveri
