Der Wildsee - Unterwasserarchäologie im Moorsee

Der Fischfang war in bayerischen Gewässern über Jahrtausende mit der Verwendung des Einbaumes verknüpft. Zum so genannten "Segen", dem Fischen mit dem langen Zugnetz, erwies sich kein anderer Bootstypus geeigneter. Anhand mehrerer Einbaumfunde vor allem aus dem Starnberger See und dem Chiemsee kann eine Kontinuität der Einbaumverwendung von fast 3000 Jahren rekonstruiert werden. Der in den 1980er Jahren dokumentierte Einbaum vor der Roseninsel im Starnberger See markiert mit seiner dendrochronologisch ermittelten Datierung von 900 v. Chr. den Beginn dieser jahrtausende alten Tradition in der Urnenfelderzeit.

Weitere Exemplare des Starnberger Sees und Chiemsees aus der Latènezeit belegen, dass auch die Kelten des bayerischen Alpenvorlandes im Einbaum zur See fuhren. 1973 bargen Sporttaucher im Auftrag des Deutschen Museums einen frühmittelalterlichen Einbaum aus dem Langbürgner See, der 2001 erstmals detailgetreu dokumentiert werden konnte. Ein Exemplar aus der Gegend von Seeheim am Starnberger See weist mit seinem Entstehungsdatum zwischen 980 und 1150 n. Chr. ins Mittelalter.

Vertreter des 14. Jahrhunderts n. Chr. finden sich sowohl aus der Gegend von Breitbrunn als auch aus Prien am Chiemsee. Weitere Einbäume beweisen eine Verwendung dieses Bootstypus bis in das 19. und zum Teil frühe 20. Jahrhundert, so zum Beispiel ein Einbaum aus Prien am Chiemsee, der anhand seiner zahlreichen Reparatur- und Ausbesserungsstellen den hohen Wert dieses Wasserfahrzeugs unterstreicht.

 

Im Januar 2006 machte Herr Thurn, ein Angestellter des Forstamtes Oberammergau, das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege erstmals auf einen Einbaum im nahezu verlandeten Wildsee bei Saulgrub aufmerksam. Im Auftrag des Landesamtes erfolgte daher im Juni 2006 die Durchführung einer unterwasserarchäologischen Prospektion. Trotz schlechter Sichtbedingungen von ca. 10-20 cm bewahrheitete sich die Beobachtung des Finders: Zum Teil noch eingebettet in den am Ufer anstehenden Torf zeigte sich der ca. 4,60 m freiliegende Bootskörper eines hervorragend erhaltenen Einbaumes in nur einem Meter Wassertiefe. Beide Bordwände sowie der Bug sind komplett erhalten. Das Heck ist im anstehenden Torf zu vermuten. Der Einbaumkörper ragt in das freie Wasser ohne Schichteinbindung und ist zum See hin auf Steuerbordseite verkippt, so dass die Backbordseite nach oben und die Steuerbordseite nach unten weist. Aufgrund der äußerst schlechten Sichtverhältnisse gelang nur eine skizzenhafte zeichnerische Dokumentation des Einbaumes in Aufsicht sowie im Seitenprofil. In den Torf wurde nicht eingegriffen. Eine fotographische Dokumentation versagte ebenfalls aufgrund der erwähnten Sichtbedingungen. Zuletzt wurde im Bereich des Einbaumbodens vom Bug aus eine Holzprobe zur 14C-Analyse entnommen. Diese ergab nach Bestimmung an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen (Probennummer: Erl-9629) ein kalibriertes Alter von 344 ± 35 BP (Kalenderalter: ca. 1464-1640 n. Chr). Insgesamt konnte ein hervorragend erhaltener Einbaum aus Weichholz mit einer dokumentierbaren Länge von 4,60 m, einer Breite von ca. 65 cm sowie einer Bordwandhöhe von 47 cm (Dicke der Bordwände 3 cm) dokumentiert werden. Der Rumpf ist massiv ausgearbeitet. Er besitzt eine Dicke von ca. 15-20 cm. Der sichtbare Bug ist leicht nach oben gezogen, weist auf seiner Unterseite ein Loch an Stelle eines herausgebrochenen Astansatzes auf und vermittelt insgesamt einen nur groben Ausarbeitungsgrad. Querrippen konnten nicht beobachtet werden. Im Querschnitt scheinen die Bordwände nahezu rechtwinkelig aus dem Einbaumboden hervorzugehen.

 

Noch während der unterwasserarchäologischen Dokumentation dieses Wasserfahrzeuges wurden die Forschungstaucher auf ein weiteres ausgehöhltes Holz durch den Finder aufmerksam gemacht. Schnell stellte sich heraus, dass auch dieses zweite Holz am gegenüberliegenden Seeufer Reste eines weiteren Einbaumes darstellten: In ca. 1,5 Metern Wassertiefe liegt dieses Exemplar ebenfalls ohne Schichteinbindung mit dem Bootsinnenraum nach oben auf dem Untergrund des Moorsees. Die skizzenhafte Dokumentation zeigte einen leider wesentlich schlechter erhaltenen Einbaum mit nur sehr dünn erhaltenen Bordwänden. Das Heck ist mit einer maximalen Stärke von 24 cm ausgearbeitet. Die Restlänge ist mit insgesamt 4,90 Metern, die Breite im erhaltenen Bereich zwischen 64 (Bootsmitte) und 74 cm (Heck) anzugeben. Nach 4,90 Metern vom Heck aus weist der Bootskörper eine Bruchstelle auf. Der daran zu vermutende Bugabschnitt des Einbaumes konnte leider nicht aufgefunden werden. Eine systematische Prospektion des angrenzenden Seeuntergrundes blieb ohne Erfolg. Die ursprüngliche Gesamtlänge des Einbaumes kann daher nicht mehr ermittelt werden. Die Bordwände sind mit einer Dicke von ca. einem Zentimeter sehr dünn ausgearbeitet und besitzen nur noch eine Resthöhe von ca. 10 cm. Die Steuerbordwand bricht nach 2,90 Metern vom Heck aus ab. Insgesamt scheinen die Bootswände leicht nach außen geneigt aus dem Einbaumboden hervorzugehen. Nach skizzenhafter Dokumentation erfolgte auch in diesem Fall die Entnahme eine Holzprobe mittels Holzbohrer im Heckbereich zur Durchführung einer 14C-Analyse. Diese wurde ebenfalls an der Friedrich-Alexander-Universität Erlagen durchgeführt (Probennummer: Erl-9630) und ergab ein kalibriertes Alter von 178 ± 35 BP (Kalenderalter: ca. 1650 - 1950 n. Chr. mit einer Wahrscheinlichkeit von 50,6%, 2 Sigma zwischen 1722 und 1816 n. Chr.).

 

Zusammenfassend gelang der unterwasserarchäologische Nachweis zweier Einbäume aus dem 15.-17. Jahrhundert n. Chr. bzw. aus der Neuzeit (ca. 1650-1950 n. Chr.). Letztlich verwundert es nicht, dass in unmittelbarer Umgebung der Einbäume mehrere Fischriese bestehend aus mehreren langen, kräftigen, koniferenreichen Ästen dokumentiert werden konnten. Die beiden Einbäume scheinen im Wildsee ebenfalls zum Fischen verwendet worden zu sein.

 

 

Tobias Pflederer