Erforschung einer Hafenmole der antiken Stadt Kyzikos                                         Türkisch-bayerisches Kooperationsprojekt 2009

"Es gibt aber in der Propontis eine jäh aufsteigende Insel, die von Phrygien aus ... sich ein wenig ins Meer vorschiebt. Und auf ihr sind auf beiden Seiten zugängliche Gestade... Unter ihnen herrschte der Held, der Aineus-Sohn Kyzikos. Dorthin stieß die Argo vor, getrieben von thrakischen Winden. Und der Schöne Hafen nahm sie beim Einlaufen auf."
Diese Schilderung entstammt der Argonautensage des Apollonios von Rhodos aus dem 3. Jh. v. Chr. und erzählt vom Einlaufen der Argo in den Schönen Hafen der antiken Stadt Kyzikos, die sich an der Südküste des Marmara-Meeres (= Propontis) auf der Halbinsel Arktonnesos (= Bäreninsel) befand. Der beschriebene Schöne Hafen wird - wie auch der in der Sage erwähnt - als aufgeschütteter Hafen, d. h. als ein durch Dämme oder Molen gesicherter Hafen an der Westseite der Halbinsel vermutet.

Nach Vorgesprächen mit Archäologen der Universität Bursa (Prof. Mustafa Sahin) im Jahr 2008 wurde das geplante Projekt, eine Hafenmole vor dem Westufer unterhalb der antiken Stadt Kyzikos unterwasserarchäologisch zu erforschen, 2009 in die Tat umgesetzt. Hierzu trafen vier Mitglieder der Bayerischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie e. V. (BGfU) mit drei Archäologen der Universität Bursa zusammen. Unterstützt wurde das türkisch-deutsche Team durch die Gemeinde Erdek, die den Forschern eine kostenlose Unterkunft samt Verpflegung in einem Hotel zur Verfügung stellte.

 

Hauptaugenmerk des Pojektes lag zunächst auf der Einmessung der oberflächlich erkennbaren Steinquader mittels Totalstation, um einen Gesamtplan der Anlage zu erstellen. Nach Erfassung von ca. 900 Steinquadern zeigte sich, daß die dokumentierte Hafenmole von zwei Steinquaderreihen an ihren äußeren Längsseiten eingefaßt war und im Inneren mit Bruchsteinen und einer zementartigen Kittschicht (opus caementitium) verfüllt war. Bisweilen ließ sich vor allem in Ufernähe eine dritte Längsreihe aus Steinquadern in der Mitte der Hafenmole dokumentieren, die evtl. als zusätzliche innere Stabilisierung der Anlage gedient haben könnte oder aber eine ältere Bauphase repräsentiert. Meist folgt die Anordnung der Steinquader an den Längsseiten einem festen Schema: Es wechseln sich zwei Blöcke in Längsrichtung mit einem weiteren in querer Anordnung ab, so dass der Eindruck einer zangenartigen Einfassung des Innenraumes entsteht. Auch bei dieser Anordnung könnten Überlegungen zur Stabilität der Anlage eine Rolle gespielt haben. Darüber hinaus stellte sich heraus, dass auch im unmittelbaren Umfeld der Mole weitere Steinquader und -strukturen auszumachen waren, so dass von einer komplexeren Anlage und nicht nur von einer einzigen Hafenmole auszugehen ist. Am seeseitigen Ende der Mole in Richtung Westen konnte außerdem eine größere Steinkonzentration in einem größeren Streuradius festgestellt werden, die am Ende der Struktur evtl. auf die Existenz eines kleinen Gebäudes oder eines andersartigen Baus auf der Mole (z. B. eines kleinen Leuchtturmes o. ä.) schließen lassen könnte.

 

Der beschriebene Bereich wartete letztlich auf der Südseite der Mole mit einem weiteren interessanten Einzelfund auf. In nächster Nähe zur den Steinquadern der Anlage gelang die Entdeckung einer nahezu quadratischen und einen Quadratmeter messenden Steinplatte mit drei runden Aussparungen, die letztlich als Steinanker identifiziert werden konnte. Dieser wurde fotographisch und zeichnerisch dokumentiert. Neben den nahezu exakten Kantenlängen von 1,0 Metern zeigte der quadratische Anker, dass auch die runden Aussparungen in mathematisch korrekter Form eines gleichschenkeligen Dreiecks angeordnet waren. Die Funktion der Löcher wird aktuell folgendermaßen interpretiert: Während durch eine der runden, lochartigen Aussparungen ein mit dem Schiff verbundenes Seil geführt wurde, dienten die beiden anderen Aussparungen zur Aufnahme von angespitzten Holzpfählen, die sich nach Werfen des Ankers im Meeresboden verhaken und den Anker - ähnlich der Ankerspitzen heutiger Exemplare - am Grund fixieren sollten. Auch wenn sich eine Datierung des Steinankers über typologische Methoden nicht vornehmen läßt, so beweist dessen Existenz vor der dokumentierten Anlage doch deren Funktion als Hafenstruktur.

 

Trotz dieser ersten überaus spannenden Beobachtungen bleiben noch viele Fragen offen und die weitere Erforschung der Anlage dürfte noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Bislang ist die Zeitstellung der Anlage noch nicht geklärt. Es fehlen aktuell typologisch einzuordnende Einzelfunde und aufgrund des als reiner Oberflächendokumentation ausgelegten Projektes können auch keine Rückschlüsse über stratigraphische Analysen gezogen werden. Möglicherweise ist zumindest die oberflächlich sichtbare Fläche der Mole mit ihrer rötlichen und zementartigen Schicht in die römische Epoche zu legen. Ferner ist unklar, wie die die Mole umgebenden Strukturen zu interpretieren sind. Gehören sie zur Hafenmole selbst und sind sie nur, z. B. aufgrund eines der zahlreichen überlieferten Erdbeben verstürzt (Kyzikos wurde in der Regierungszeit der römischen Kaiser Hadrian und Antoninus Pius mehrfach zerstört) oder repräsentieren sie weitere eigenständige Hafenstrukturen? Beides, die zeitliche Einordnung sowie die Entschlüsselung des Gesamtbildes dürften nur durch stratigraphische Grabungen zu klären sein.


Tobias Pflederer